Statt eines Epilogs oder einer abschließenden Synopsis (dieses 1. Teils):

 

„Unscheinbarkeiten“ oder „Nächtlich vergangene Tage“

 

Prolog für ein nie veröffentlichtes, nur einmal in Teilen im Herbst 1983 collagiert mit Texten / Gedichten von Ignazio Buttitta, Bertolt Brecht, Mascha Kaleko u.a.  aufgeführtes Theaterstück. Den Prolog habe ich finalisiert am Vorabend meiner ersten, und damals auch von mir befürchtet letzten „freien Bundestagswahl“ im „holden Erstwähleralter von 18 Jahren“ im Rahmen der „geistig-moralischen Wende“ des damals im Amt bestätigten Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) nach Misstrauensvotum und Scheitern der Regierung von Helmut Schmidt (SPD) im Herbst 1982, also am 05. März 1983.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unscheinbarkeiten. Oder – nächtlich vergangene Tage

 

Ein Theaterstück. Oder

Fragmente eines solchen.

Begonnen am 2.Oktober 1982.

Mehrmals im Laufe der Jahre wieder herausgekramt.

„Recycelt“. Neu angesehen. Neu montiert.

Vielleicht:  

„vergangene Gewissheiten“.
Auch unserer Vorfahren.

Zeitlosigkeiten. Zu Unzeiten.

 

 

 

 

 

 

Prolog

 

 

Blutrotes Morgengrauen  

 

Wir leben dahin im täglichen Sterben

Die Existenz der Lieblosigkeit überholt uns

Inmitten von lieblichen Existenzen – die Wirklichkeit:

freundschaftlich gerüstet

      platt gepanzert

            kühl und gefühlsbetont

        hübsch und hässlich

  mächtig und ohnmächtig

       gefunden und verloren

 geil und verklemmt

      ängstlich erzeugend

Die Schattenwelt der Konkurrenz :

      Brüder des Hasses

            Schwestern des Neids

                   Freiheit  der Grausamkeit

-       wo leben wir denn schon ?

im eigenen Zuchthaus,

in inneren Mauern einer veräußerlichten Welt !

      der eingeengte Blick

             vermisst die Weiten, die sich ihm öffnen könnten

                   endlos weit

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als ich an jenem Morgen aufstand und mein Fenster öffnete,

sah ich, wie sich der Morgennebel noch seicht und sanft

auf den Hügeln sammelte und die Sonne langsam dort

hindurchbrach. Der Anblick setzte mich in Verzückung.

Diese Weite, diese schier unglaublich endlose Weite,

die dieser sich über den Hügeln sammelnde Nebelschleier

erahnen ließ, eroberte mein Gemüt. Die faszinierende

Vorstellung der im Schein der durchbrechenden

Sonne bald silbrig glitzernden Tannennadeln machte mich

glücklich an diesem Morgen. Es würde ein schöner Tag

werden, dachte ich, ein schöner Tag – wie alle Tage

irgendeinen schönen Moment einfangen konnten. Es würde ein wunderschöner Tag werden. Ein Tag, an dem uns alle

Möglichkeiten gegeben waren. Ein Tag, dessen Morgenansicht

Liebe und Lust, Glück und Hoffnung verhieß, ein Tag des

Friedens mit allen und allem.

Der Anblick der weiten, die Stadt umgebenden nebelumwobenen

Hügel wurde durch die zunehmende Strahlungskraft

der aufsteigenden Morgensonne in meinen Augen geblendet.

Der Schein des unermesslichen Gestirns aus der Mitte des

Universums nahm zu; die Stadt unter mir schien langsam

zu erwachen. Immer mehr Autos fuhren die Straße entlang,

immer mehr Menschen verließen ihre Häuser und gingen zur Arbeit. Immer mehr Menschen gingen und liefen und fuhren

nun durch die Straßen.

Die Stadt schien zu erwachen aus einem tausendjährigen

Schlaf.

 

Immer mehr Menschen liefen und keuchten und hupten und

pfiffen durcheinander vorbei.

Nachdem ich an diesem Morgen aufgestanden war, den Vorhang weggezogen und das Fenster geöffnet hatte, wusste ich beim trügerischen Anblick der durchbrechenden Sonnenstrahlen, dass dieser Tag einer jener grausam graumelierten Tage werden würde, einer jener leblos düsteren Tage, an denen die vertanen Lieben in grauen Flocken vom horizontal blutig rot zerfurchten Himmel fielen und der fade Nachgeschmack der gemeinsam einsamen Nächte im Mund klebte.

Der Nebel senkte sich noch bedrohlich kalt über die die

Betonendlichkeiten der Stadt umgebenden Hügel.

Eben hatten sich in den Abgründen der Normalität noch

die zernarbten Mondsicheln gespiegelt. Nun würde bald

die ganze still und ohnmächtig laut schweigende Stadt

eingehüllt sein von dem Nebel und den Kohlenmonoxid-

und Schwefeldioxiddüften. Der Dunst würde feine Fäden

um die Münder der Menschen spinnen, feine, wie aus

Filigran gewebte Fäden um Mund, Augen und Ohren. Der Dunst würde die Menschen, ihre Lust und ihre Liebe, ihr Glück und ihre Hoffnung wie an jedem anderen Tag erdrücken.

Menschen würden arbeiten, Menschen würden verhungern,

Menschen würden geboren, Menschen würden sterben,

Menschen würden töten, Menschen würden den Nebel machen, Menschen würden Filigranfäden weben.

Langsam spürte ich am offenen Fenster, wie die Kälte sich

auch in meinem Körper ihr Nest errichtete. Ich hatte noch

das Zischen und Pfeifen, das Brummen und Quietschen der

Stadt in den Ohren. Ein schweigend herausgeschriener

Seufzer verfing sich in meinen Ängsten.

 

Die Sonne brach hindurch. Sie schob die Nebelbänke langsam beiseite. Meine Befürchtungen waren unbegründet gewesen.

Die Dunstglocke über den weiten Wäldern schien sich zu

verflüchtigen, die Schaufenster auf der anderen Seite der Straße reflektierten die durchdringenden Strahlen der Sonne. Die Menschen lächelten. Zufrieden und frei wandelten sie in den Tag.

 

frei? …Voller verdrängter Bedürfnisse schwankten sie

erneut erblindend in den von Industrie- und Autoabgasen gereinigten Tag…

frei?...Freiheit?...die durch einen vollen Kühlschrank  garantierte Zufriedenheit? Die luxuriöse Besänftigung der Massen? Die durch das neuzeitliche Blechvehikel gewährleistete Mobilität? Das jedermann erschwingliche Glück des eigenen Schlosses? Das die Meinung sagen dürfen? Freiheit…die in schließfachartigen, mit Kühlung versehenen Schubladen in feines klarsichtiges Zellufan eingeschweißt liegenden Kirschen – versprochen, aber zu hoch gehangen – gekühlt mindestens haltbar bis…

 

nein, dies würde ein schöner Tag werden  ; ich wollte mich wie ein Kind darauf freuen…wie ein Kind…schuldlos glücklich…

 

schuldig glücklos! Ach, was ist schon unschuldig? Was ist

schon Glück? Welche göttliche Kreatur kann schuldlos

unschuldig leben?...Leben und dennoch unschuldig sein? –

gerecht? – ach, was ist denn schon Gerechtigkeit? …ein

ohnmächtiger Gott sieht zu, wie die Menschen ihn überwinden wollen…ein zürnender Gott droht seine letzten vernichtenden Waffen anzuwenden…ein ohnmächtiger Mensch steht seiner eigenen gottlosen Macht blind gegenüber…

dieser Gott, ach – diese göttlichen Erfindungen, katholisch

gedacht, protestantisch gefühlt, muslimisch gesprochen,

buddhistisch geglaubt, hinduistisch vermutet – müssen einfach selber die reinsten Atheisten sein…

 

…sonst wäre dieser Gott

wohl selbst der reinste Narzisst.

 

So in Gedanken versunken sah ich, wie die ersten Regentropfen an diesem herbstlichen Frühlingsmorgen auf den aschgrauen Asphalt meiner Seele herunterfielen.

Gestern morgen, beim Öffnen des Fensters bin ich

zurückgekehrt an die Stätte meiner Geburt. Nach vielen leeren Jahren in der Fremde bin ich zurückgekehrt an den Ort, an dem ich meine ersten Schläge empfing. Hier starb ich die ersten Tode meines jungen Lebens.

 

Hier nahm mich meine Mutter an ihre Brust. Hier begann

mein Leben zu blühen, die zarten Knospen zeigten sich.

Hier hatte ich meine Höhle, meine Bauchhöhle, meine

Räuberhöhle. Hier war ich daheim.

 

Hier durchlebte ich die Höllenqualen einer wunderschönen

Kindheit und Jugend. Hier begann die Blume meines Todes

ihre ersten grauschimmernden Blätter zu zeigen.

Hier war ich daheim.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was war, wird gewesen sein.

Was war, soll gewesen sein.

Was war, wird sein.

Nichts wird sein, wie es gewesen sein wird.

 

 

Fragen ohne tausend Antworten                                               - immer wieder Fragen ;

 

fragende Antworten -                                          fragwürdige Versuche, tausendfaches

    Schweigen zu beantworten.

 

Der Sinnlosigkeit trotzende Fraglichkeiten mit tausenden

von stummen Antworten –

                                                                               Tausende von stummen Fraglichkeiten

                                                                        Mit der Sinnlosigkeit trotzenden Antworten.

 

 

Der Sinn des Seins erscheint fraglich im Sein des Sinns.

 

                                                              Unsere Zeit erscheint fraglich im Sinn des Seins.

 

Seit endlosen Zeiten schwimmen wir endgültig auf die

endlichen Auslöser der Zeitenwenden zu.

 

                                                               Das Sein erscheint fraglich im Sinne des Nichts.

 

Der endgültige Fall in den endlosen Schein des Nichts

hat lange begonnen, bevor wir waren.

 

                                                         Die Zeit des Nichts erscheint als Sinn des Scheins.

Schein oder nicht Schein…?

                                                            Die Zeit des Seins erscheint als Zeit des Scheins.

 

Das Ende der endlosen Zeit – unserer endlosen Zeit –

Scheint unendlich näher zu rücken.

 

                                             Der Sinn des Scheins erscheint als das Sein unserer Zeit.

 

Der Sinn des Scheins erscheint als das Nichts unserer Zeit.

 

 

-  Unserer Zeit ?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Wenn ich damals sagte, ich liebe Dich,

so glaube mir,

aber glaube mir nur in diesem einen Moment,

in dem ich es sagte.

Liebe – vielleicht, wie alles nur eine Sache des Momentes.

Besser, Du glaubst auch mir nicht.

Nein, auch das nicht.

...gerade das nicht.

Glaube keinem das, was er sagt.

Sieh den Leuten in die verdunkelten Augen.

Sieh die schattierten Blicke.

Die Gesten sagen mehr als tausend schöne sprachlose Worte.

...ganz gleich ob die eines sogenannten Christen oder eines

solchen Kommunisten oder eines reaktionären Kapitalisten.

...ganz gleich, ob die irgendeines anderen.

Die Taten des Moments sind wichtiger als die ungehört

vernommenen Worte.

Liebe ist nur ein Wort. Ich glaube, Simmel heißt der Mensch, der mit solchen Banalitäten sein Geld macht.

- lächerlich, nicht wahr?

Auch der Hass...unfassbar...Generationen, Jahrtausende

beschäftigend...überdauernd.

Hass? Liebe? - ...zwei Extreme, die nicht existieren?...

...zwei Extreme, die wie alle Extreme nur zu existieren

scheinen?...Aber – es ist schön, dass alles nur Schein ist...

ein tröstlicher Gedanke...ein verdammt tröstlicher Gedanke

...er lässt Fluchtmöglichkeiten scheinbar sein...Fluchtpunkte

in luftleerem Raum...Auswege aus scheinbarer

Ausweglosigkeit...pathetische Worte in der Sprachlosigkeit

...Beschönigungen für die tödlich nahe Kältestarre...

am Abgrund der Existenzen...Leblosigkeit...stumm schreiende Blicke...verfaulte Gemüter...von Lebenserfahrung prahlend

...derart stinkender Brei aus Chefdenkerköpfen fließend...

das bisschen Luft verpestend...jenes kleine Fleckchen Erde

verseuchend...künstliche Wärmeerzeuger, kalte Städte

versorgend...an den Ufern der umkippenden Flüsse...himmlische Betonperspektiven...ein in den Himmel gefällter Baum...

der erstunkene und erlogene Vorwand der Sicherheit...

gekauft...verkauft...wo anfangen?...wo enden?...

zwischen Sonne und Wirklichkeit...Wirklichkeit?...Flucht?

...Möglichkeit...nur eine?...der Ekel...das Sein...der

Schein...jeder tröstliche Gedanke hat seinen bitteren

Beigeschmack...bitter wie der kleinen Kindern eingeflößte

Lebertran...Liebe?...Hass?...ein denkendes Herz...zuckend

...ein fühlender Kopf...

 

Nur der Gedanke an die Scheinbarkeit,

an die bloße, bedrückende Scheinbarkeit jeglicher

Existenz lässt mich hier stehen und pathetisch sprachlose

Worte in die Luft schleudern...so, als wäre ich irgendein

Cicero oder Horaz oder Sophokles oder sonst wer...dabei

bin ich doch wie diese nur eine jener jammervoll Steine

auf Bergkuppen rollenden Existenzen...immer wieder kurz

vor`m Gipfel ermattend...kurz vor`m Gipfel immer wieder

endlos unendlich weitergehend ermattend...sinnlos

ankämpfend...sinnlos suchend...

 

IHR – hört nur meine Worte verklingen...verpuffen...

leer...entleert...wie Ihr immer nur den Klang der Worte

vernommen habt...nur den Klang...entleert...sinnlos...

vergeblich gesagt...

 

IHR – habt nur das Geschrei der über Euch Thronenden

gehört...und mitgeschrien...“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Epilog

 

Weißt du, ob die Mauer, an der Du lehnst, nicht gerade erst errichtet worden ist?

...weißt du, ob die Bank, auf die Du Dich setzt, nicht gerade erst frisch gestrichen worden ist?

...weißt du, ob das Dach, unter dem du wohnst, nicht über dir einstürzt, wenn es stürmt?

...weißt du, ob die Benzinvorräte dafür ausreichen, dass du auch in zwanzig Jahren noch Auto fahren kannst?

...weißt du, ob die Luft dazu ausreichen wird, dass du in zwanzig Jahren noch atmen kannst?

...weißt du, ob der Kühlschrank in zwanzig Jahren noch kühlt, die Waschmaschine noch wäscht, die Spülmaschine noch spült?

...weißt du, ob das Waffenstarren auf beiden, auf allen Seiten gegeneinander noch Sicherheit garantiert?

...weißt du, ob dein klinischer Tod nicht das wirkliche Ende ist?

...weißt du, ob du in einem vermeintlichen Jenseits noch einmal alle diesseitigen Fehler wieder gut machen kannst?

...weißt du es?

Weißt Du es?

Warum schweigst Du?

-       Warum schweigst Du denn bloß so...so leise schreiend?

-       Warum schweigst Du denn bloß so...keuchend und abgehetzt?

 

 

Ach, was weißt du schon?

Was wisst Ihr schon?

...was wissen wir schon?

Was denken wir schon zu wissen?

Was fühlen wir schon zu wissen?

Wisst ihr, was Liebe ist?

Wisst ihr, was Hass ist?

...ich?

Ach, wir leben abgestumpft dahin.

Konsumverwöhnt wie wir sind hören wir von nahenden Katastrophen, den Zeitenwenden, die uns überrollen werden und was tun wir?

Was tun wir?

Was tut ihr?

WAS? WAS?

IHR – sorgt euch nur um euer eigenes Wohlergehen!

IHR – steigt ein in den Zug, der Euch zurückbringen wird zu

den letzten, verschärfteren Zeitenwenden.

IHR – seid die angeklagten Ankläger.

IHR – seid die betrogenen Betrüger.

IHR – seid die vertriebenen Vertreiber.

IHR – seid nur das Brennholz für die Einheizer der Geschichte.

IHR – seid dazu gemacht worden und habt euch selbst dazu gemacht.

IHR – seid die euch selbst fortschrittlich zu Tode jagenden Flüchtlinge!

WIR – sind diejenigen, die fortschrittlich ungläubig dran glauben müssen!

 

 

 

 

 

WIR – hatten alle Möglichkeiten.

Wir – so, wie alle anderen vor uns.

 

 

27.01.2026

Dieser Nachsatz kommt mir immer wieder in den Sinn.

Ob ich ihn jemals wirklich aufgeschrieben habe? Ich weiß es nicht. Doch sofort, auch jetzt kommt mir dieser Nachsatz wieder in den Sinn.

Auch nun, im Januar 2026. Fast 44 Jahre später. Zu anderen Zeiten ein ganzes Menschenleben. Nun, bei in hiesigen Breiten gestiegener Lebenserwartung etwas mehr als ein halbes Menschenleben.

Bei stetiger Besetzung mit Gegenwart vielleicht sogar mehr.

 

WIR – haben alle Möglichkeiten.

Wir – so, wie alle anderen nach uns sie erhalten sollten.

 

 

 

 

 

 

 

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© Stefan Frischauf