Rezeptionen und Adaptionen:

Zwischen bewegten (T)Räumen und Zeiten

„Demokratie und urbane Form“ (Richard Sennett 1981) revisited

 

22.12. 2025                                 ca. 25 min. Lesezeit

24.12. 2025                                (+ ca. 6 min. Epilog + Synopsis)

 

Gedanken zwischen Realismus und Utopie, zwischen Hoffnung und Dystopie arbeiten zwangsläufig mit a) Erinnerungen, b) Ahnungen und c) Erwartungen. Dies sollte dann geführt werden zu d) Sein, Werden und Bleiben.  Ob und wie diese gedanklichen, also mentalen Bewegungen auch zu physischen Bewegungen, insofern zu zielsicheren, Problemlösungsorientierten Handlungen werden, ob sie gar vom ich und selbst der einen Person zum WIR von mehreren anderen zu werden vermögen: auch das scheint sehr unbestimmt zu sein. Wahrscheinlich ist die Bewegung vom Denken zum Handeln in Zeiten wie diesen eher ein fast transzendenter Vorgang: der Raum, der das Handeln ermöglichen soll, liegt als eher metaphysischer Gegenstandsbereich jenseits möglicher Erfahrung bzw. vorfindbarer Wirklichkeit“.

 

Die Vermittlung zwischen Denken und Handeln muss also verkürzte Zeit und ebensolcher Art deformierten Raum überbrücken. Sie wirft dabei zwangsläufig Themen auf, die aus persönlich Erlebtem und dem Verarbeiten dessen im Abgleich mit gegenwärtigen vermeintlichen und vertiefend abgewogenen, vorwiegend rechtliche und wirtschaftliche Rahmen definierenden Realitäten resultieren. Ein Vorgang, der in der Regel nicht immer unbedingt auf Liebe und Beachtung, eher auf Schutz- und Abwehrmechanismen und -reflexe stößt. Vorwiegend aus „Bias: kognitiven Verzerrungen“ 1 entspringende reflexive Handlungen, die dann allzu häufig wieder zum Zurücklehnen, zum quasi paralytischen Verharren zurückkehren. Und damit den so frustran vorbestimmten Möglichkeitsraum des Handelns gar nicht erst öffenbar machen. Und so Gefahr laufen, wieder in neue „Bias“ 1  zu münden.

 

Das Ich, das Selbst, das WIR in Einklang zu bringen dabei: das ist wesentlich. Und wie man immer wieder sieht: keine leichte Übung. Der von Menschenhand programmierte und implementierte, auch per KI insofern eher isoliert unilateral und zwangsläufig komplexitäts-reduzierend gefütterte Algorithmus als  klare, endliche Abfolge von Anweisungen, die ein Problem löst oder eine Aufgabe ausführt“  muss die Trägheit von Angst und Misstrauen im Zuge seiner Berechenbarkeitsmodelle innerhalb der durch stetige Beschleunigungsvorgänge reduzierten Aufmerksamkeitsspannen umwandeln. Der Übergang vom Denken zum Handeln muss so auch außerhalb des eigens programmierten und implementierten Zeitfensters plausibel und sichtbar gemacht werden. Zwischen und in allen Deformationen von Räumen und Zeiten. Zwischen „Rasendem Stillstand“ und der „Ästhetik des Verschwindens“ zudem von Chancen und Möglichkeiten, auch zunehmend gewaltsame Auseinandersetzungen um gesellschaftspolitischen Fortschritt abzuwenden. 2, 3

 

 

 

a) Erinnerungen

 

Die Theorie, das Denken per se nährt sich unter anderen aus der Verarbeitung von Erinnerungen. Fachliche, sachliche und persönliche Blicke in gemeinsame und eigene Vergangenheiten. Datensätze, die dies bündeln. Das Handeln indes in der Gegenwart wird maßgeblich geprägt durch diese Synthesen aus dem Vergangenen. Das Bleibende und das Seiende, Immanenz und Transzendenz also sind erkenntnistheoretisch / sachlich und ontologisch / metaphysisch (er-)zählbar.

 

Fallbeispiele und Fallstudien veranschaulichen dies und suchen somit, die tiefe Kluft zwischen Denken und Handeln zu überbrücken. Wie labil und brüchig aber alle Freundschaften und Bündnisse, alle Zustimmungen und das darauf basierende Vertrauen in Zeiten solcher Umbrüche wie der derzeitigen sind und wie schwer es ist, da Theorie und Praxis zusammenfinden zu lassen: das wird immer deutlicher. Scheitern gehört wesentlich dazu. Scheitern: hinfallen und wieder aufstehen. Sich schütteln und neu starten. Es neu versuchen. Aufstehen. Neu, aber mit gewonnener, allzu häufig schmerzhafter Erfahrung wieder starten. Ein Mensch indes, der immer wieder auf dem Boden landet: er oder sie wird schwerlich wieder Vertrauen fassen. Dieses Vertrauen jedoch ist Basis und Fundament jeder gesellschaftlichen Formfindung. Auch in Konflikten zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten, dem mehr Extrinsischen und dem eher Intrinsischen.

 

 

Richard Sennett stellt in seinen hoch aktuellen Harvard Vorlesungen „Demokratie und urbane Form“ von 1981 das Aristotelische Denken des demokratischen Diskurses und Alexis de Tocquevilles Isolation aus Angst (vor dem / der anderen) insbesondere im städtischen Leben gegenüber 4. Der Fall in die Einsamkeit der Bedeutungslosigkeit gehört darin zu den schlimmsten Ängsten in eigentlich egalitär versprochenen Gesellschaften.  „Selbstbestimmung“ bei der Realisierung einer entsprechenden „Lebensführung“ und „Lebenschancen“ 5 sind da insofern Termini aus der (sozial-) politischen Theorie, die in die Praxis umgesetzt werden wollen und sollen.

 

Insgesamt braucht es also „neue Erzählungen“, in denen die Themen nicht nur oberflächlich, sondern mit entsprechend „langem Atem“ angegangen werden können. „Reallaborstudien“ sollen dies im Wesentlichen verdeutlichen. Die Wege dahin, dies überhaupt zu ermöglichen, dem Vorwurf des (träumerischen) „Idealismus“ zu trotzen und Illusionen ohne gründendes Fundament vorzubeugen, um letztlich dem Realismus von bedarfsgerechtem Planen und Bauen – zu allererst einmal von Vertrauen die erforderlichen Durchbruchsmöglichkeiten zu ebnen, Datenerhebungen also auch als wesentliche Grundlagen dem allgemeinen Verdrängen nicht marktkonformer Ansprüche entgegentretend bedarfsgerecht zu ermitteln: Darum soll es auch hier weitergehen.

 

„Freie Märkte“ in diesem Stadium basieren auf dem stetigen Verdrängen (gesamt-) gesellschaftlicher Bedarfe. Dieses Verdrängen wirkt sich zum Vorteil (Finanz-) starker Marktteilnehmer aus. Unternehmer und Investoren aber wollen diese (gesamt-) gesellschaftlichen Bedarfe überwiegend auch gar nicht wirklich zur Kenntnis nehmen. Aufgrund von fehlenden Daten (wollen) sie dies auch gar nicht können. Ein geradezu paradoxer Sachverhalt. Regulierung und ansatzweise Behebung indes dieser Ungleichgewichte in immer ungleicher werdenden Gesellschaften, insbesondere, was „Lebenschancen“ und „Lebensführung“ 5 betrifft, machen also erst einmal entsprechende Datenerhebungen und Zusammenstellungen von (Veränderungs-) Potenzialen erforderlich. Ein hoher Aufwand, der nur mit Mitteln und Kräften zu schustern ist, die in Zeiten der Rezession, in denen diese Mittel und Kräfte eher gekürzt werden aus zuvor genannten Gründen so gar nicht erst thematisiert wird / werden soll. Für nachhaltigen Um- und Weiterbau von Städten und Regionen und darin Heimat findende Gesellschaft indes braucht es das. Letztlich stellen diese unsere Lebens- und auch Schutzräume dar. Einmal mehr: im privaten, wie auch im öffentlichen Sinne.

 

 

 

b) Ahnungen

 

Auch hier gibt es einige Möglichkeiten zu Differenzierungen. (Vor-) Ahnungen, also antizipierende gedankliche Vorwegnahmen von Handlungsergebnissen können sich vorwiegend kategorisiert als I) Befürchtungen, II) Bedenken und III) Hoffnungen äußern. Die entsprechenden Impulse vermögen demzufolge Handlungen von I und II weg zu III zu lenken. Dafür jedoch bedarf es vieler Informationen. Daten also, die Vorder- und Hintergründe der Dinge und der Menschen innerhalb und außerhalb ihrer jeweiligen Handlungsfelder abzubilden vermögen. Gleichzeitig bedarf es eben auch, sich manche Themen aus a), also Erinnerungen innerhalb der Lenkung der jeweiligen Entscheidungsprozesse ins Gedächtnis zurückzurufen.

 

Beispielhaft dazu soll hier das heiße Eisen Naher Osten kurz beleuchtet werden. Patrick Kaczmarczyk wertet auf Surplus einen UN-Bericht zur wirtschaftlichen Lage Palästinas nach dem Gaza Krieg „in einer noch nie dagewesenen Phase der Depression“ aus. Die israelische Zeitung Haaretz wird darin mit einem von Akademikern von dort vorgebrachten Plan für „einen verbindlichen Waffenstillstand, eine internationale Schutztruppe mit robustem Mandat für alle besetzten Gebiete und den vollständigen Abzug israelischer Truppen“ zitiert. Diese Truppen mit robustem Mandat sollen vielfältige Aufgaben auch der rechtlichen Aufarbeitung begleitend übernehmen und so auch die Voraussetzungen für einen Wiederaufbau sichern. Das „robuste Mandat" einer transnational eingesetzten Truppe indes erfordert auch eine Stärkung der UN. Genau das unterminieren andere mächtige Akteure hier nicht erst seit gestern: Trump und Netanyahu zu allererst. Die vor Machtaufgabe / Waffenabgabe stehende Hamas und Teheran damit wahrscheinlich auch. Die Alternative dazu? Ein verwaltetes Dahinsiechen mit irgendwann sich neu formierenden „starken Männern" / Gewaltherrschern und neuen / alten Feinden Israels mit dem palästinensischen Volk einmal mehr in Geiselhaft. Das Volk Israels bald auch. Einmal mehr. Darin und dazwischen gefangen. Und so letztlich einmal mehr: verloren.

 

Eine verantwortungsvolle und weitsichtige europäische und deutsche Außenpolitik müsste das, insbesondere also die Stärkung der UN mit robustem Mandat vehementer vorantreiben. Und nicht auf die anderen Akteure warten. Denn weiterhin fragt sich ja auch: Würden US-Truppen oder eine „Koalition der Willigen" ggf. unter US-Führung hier agieren wollen / sollen / können? Insbesondere nach Abzug der „internationalen Gemeinschaft" aus Afghanistan und Auslieferung des afghanischen Volkes an die Taliban 2 infolge des von Trump 1 gepushten Doha-Abkommens am 15. und 16. August 2021 müssten solche unilateral gebauten „Sicherheitsarchitekturen" doch eingehender auf ihre Praktikabilität geprüft und hinterfragt werden. Geschieht das? „Nachhaltiges Konfliktmanagement" aber erfordert eben das. Und da fehlt mir als (ziviler) Afghanistan-Veteran, der 2010 nach 1 1/2 Jahren leben und arbeiten von dort zurückkam und der danach die „Aufarbeitung" der Bundesregierung in ihrer von Winfried Nachtwei als „Kollektives Führungsversagen" konstatierten Enquete-Kommission besah allein der Glaube. Auch von den klugen und umsichtigen Journalistinnen Natalie Amiri und Katrin Eigendorf sind da derzeit keine Antworten zu erwarten. Dennoch sei die Frage hier gestellt: Müssen wir nicht diese Szenarien offensiver erörtern? Damit die geopolitisch scheinbar geschichtsvergessen agierende, alleine „kurzsichtigen Sachzwängen“ gehorchende Politik endlich diese blinden Flecken realisiert und auch weitergehend in Handlungsempfehlungen, geschweige denn: strategische Leitplanken ummünzt? Natalie Amiri wird in Zusammenhang mit dem „Nahost-Komplex“ 6 zitiert mit den Worten „Trump ist die größte Chance“  und bezeichnet ihn andernorts gar ehrfürchtig als „Bulldozer“. Dieser erfordert aber resiliente, also: wehrhafte Gegnerschaft. Damit man nicht selbst weggekarrt wird.

 

Der Blick auf den anderen, näher gelegenen Konflikt in der Ukraine verdeutlicht da insbesondere nach den Gesprächen in Berlin am 15.12. 2025 einmal mehr vielfach verworrene Trenn- und damit auch Konfliktlinien in und zwischen Deutschland und Europa. Die Ankündigung auch von einer „multinationalen, von Europa geführten und den USA unterstützten Truppe zur Absicherung eines Waffenstillstands“ und „zur Unterstützung der Streitkräfte des Landes sowie der Gewährleistung der Sicherheit des Luftraums und der Meere auch durch Operationen innerhalb der Ukraine" macht alleine in Berlin wesentliche Debatten im Schatten der „Zeitenwenden“ erforderlich:

 

Die Ahnungen sind hier jetzt also exemplarisch weit weg geführt vom Planen und Bauen in Deutschland und der dort erforderlichen Bauwende zu Wertstoffkreisläufen und Lösen des Sanierungsstaus und damit auch zur Reduktion des Carbon Footprint der Bauwirtschaft von derzeit rund 40% des globalen und nationalen CO2-Emissionsanteils. Diese jedoch hängt auch von außen- und geopolitischen Maßnahmen in ihrer gegenseitigen Durchdringung ab. Das kulturelle Erbe Deutschlands in, zwischen und mit Europa wiegt da entsprechend schwer und erfordert immer wieder ein neues Austarieren. Ein neues Vergegenwärtigen von Maßstäblichkeit. Frieden, Sicherheit und damit unmittelbar einhergehender Aufbau von Vertrauen sind auch Prämissen für Denken + Handeln  bei und in Um- BAUwenden und WeiterBAU von Städten und Regionen.

 

 

Als ich jetzt kurz in Berlin war, machte ich auch meinen Spaziergang vom Pariser Platz durch Günther Behnischs Akademie der Künste zu Peter Eisenmans Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Eisenmans Bezeichnung des „Ortes ohne Bedeutung“ konnte ich nach anfänglicher Skepsis nachvollziehen durch die Interaktion mit meinen Kindern an diesem Ort, die irgendwann lernten, warum dort auf diesem großen und teuren Grundstück dieses Labyrinth gebaut worden war. Nach Gespräch mit Migrantenfreunden indes begab ich mich dann auch einmal an den authentischen Ort des KZ’s Oranienburg – Sachsenhausen. Größe und Maßstab der Verbrechen der Nazis per se muss man sich immer wieder vor Ort selbst vor Augen führen.

 

 

„Weite und analoger Raum“, wie dereinst auch meine Diplomarbeit überschrieben war, werden an solchen Orten viel deutlicher (be-) greifbar.  Man muss sich dabei die Größe und damit auch Last dieses kulturellen Erbes auch räumlich bisweilen einmal mehr vor Ort authentisch vergegenwärtigen.   

 

 

 

c) Erwartungen

 

Einmal mehr prägen auch hier I) Befürchtungen, II) Bedenken und III) Hoffnungen Auf- und Abbau von Erwartungen an Menschen und Dinge und den Verlauf ihrer Interaktionen. Ganz wesentlich jedoch wirkt sich hier Auf- und Abbau von Vertrauen oder eben, negativ gesagt: Misstrauen aus.

 

Aladin El-Mafaalani nimmt dies in „Misstrauensgemeinschaften“ auf. Wie immer bei ihm: viele Sätze, die man in ihrer pointierten, viele Synthesen aus manchen Disziplinen bündelnder Kraft ins Poesiealbum eintragen kann. Im Kapitel „Handlungsfähigkeit des Staates" verweist Aladin im Hinblick auf das mangelnde Vertrauen des Staates in die Gesellschaft = wir Bürger auf Sanktionen hin, die auch verhängt werden bei Regelverletzungen im Falle größerer und weiter gefasster Verfahren der Bürgerbeteiligung. Jenem Vertrauensvorschuss also, der durch Integration und damit versprochene und gestaltete Partizipation der Bürger in Entscheidungs- und Machensprozessen gewährleistet werden soll. 8

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Dies ist auch ein wesentlicher Punkt bei Elinor Ostroms „Governing the Commons". Commons, also Almende als gemeinschaftlich verwaltete Ressourcen können in diesem Sinne erweitert auch graue, blaue und grüne Infrastrukturen als wesentliche Elemente der Daseinsvorsorge sein. Nicht nur, dass die in Bloomington / Indiana lehrende Dame 2009 als erste Frau den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften gewonnen hat: ihr ganzes Lebenswerk und das von tausenden von Epigonen weltweit enthält unzählige langjährige Fallstudien zu solchen Mustern. Ihr Erbe - Ostrom ist 2012 verstorben - ist aktueller denn je. Dazu gehören auch ihre vielfältigen Studien zu „polyzentrischen Systemen" der Selbstbestimmung. 9


Henry Georges „Single Tax", also die „einzige Steuer“ auf Grunderwerb, letztlich von Dirk Löhr zuletzt ins Deutsche übersetzt ist auch ein wesentlicher Teil „liberalen Erbes". Die den Zugriff auf mögliche Zukunftsgestaltungen verwaltenden Tech-Eliten und ihr MAGA-Patron im weißen Haus indes klammern in ihrer Ausschlussideologie der „liberalen Demokratie" all diese Themen und Traditionen auch US-amerikanischen, mithin westlichen Erbes bedingungslos aus. 10


Auch Max Webers „Protestantische Ethik" wird in diesem Kontext immer wieder rezipiert. Der hier schon genannte US-(Stadt-)Soziologe Richard Sennett und Prof. em. der HU-Berlin, Hans-Peter Müller sind da besonders hervorzuheben.

 

Richard Sennett liefert primär auf Georg Simmel und Walter Benjamin zurückgehend eine bemerkenswerte Definition von Individualismus in der diesen letztlich gewährleistenden Anonymität des urbanen Raums der Stadt als Kernelement auch der „urbanen Zivilisation“: „Städte bieten ihren Bewohnern die Freiheit, Widersprüche zu erfahren. Das Ergebnis dessen wird das Hervorbringen des Selbst sein, nicht im Hinblick auf das Verlassen dieser Widersprüche, sondern darauf, etwas von einem selbst, für einen selbst zu schöpfen.“ Andere Merkmale des städtischen Lebens: „psychische Überreizung“ und Abwehr dagegen fasst Sennett denn auch unter Simmels Begriff der „Aktualität“ zusammen. Die Freiheit, im „hier und jetzt“ dies zu erleben indes, offenbart sich nicht „auf einmal“, sondern letztlich zeitversetzt. 11

 

Und: Marshall McLuhans „Globales Dorf12 ist spätestens seit der UN-Habitat-Studie 2006 zur „Globalen Stadt“ geworden und erfordert nun einfach andere, modifiziert aktualisierte und entsprechend zu institutionalisierende Formen von Teilhabe und Partizipation der anonym nebeneinander lebenden Bürgerschaften.

 

Hans-Peter Müller indes nennt Max Webers Werk einen "Steinbruch". Zu Recht: Ich hoffe, irgendwann einmal seine "Soziologie der Stadt" mit Muße lesen zu können. Max Weber hat auch eine "Konfuzianische Ethik" verfasst. Nicht so umfangreich wie die „Protestantische Ethik". Aber er verstarb 1920, ein Jahr nach der Versailler Friedenskonferenz, wo er als preußischer Delegierter auch John Maynard Keynes in der britischen Delegation gegenübersaß. Keynes Rezeption des Friedens von Versailles als Vorbote neuer Diktaturen und Kriege in Europa ist bekannt. Weber nahm seine I) Befürchtungen, II) Bedenken und III) Hoffnungen mit ins Grab. Sein Steinbruch-Werk würde heute vielleicht auch eine „Muslimische Ethik" umfassen. Als ich auf einer der vielen Reisen, für die ich so dankbar bin, bei meiner Gastfamilie in Nordwest-Algerien 1986 war, da sagten alle: „Araber und Sozialismus: das geht nicht zusammen". Man sehnte den Wechsel in dem alliierten Land des Warschauer Paktes herbei. Der Wechsel gerade dort in al-Dschazā’ir mit dem Bürgerkrieg in den 1990ern und der fehlenden Aufarbeitung auch heute noch war und ist grausam.

Wir müssen Weber, Ostrom et al. weiterdenken und leben. 5

 

Im Gespräch mit Tim Gabel erläutert wieder der Bildungs- und Migrationssoziologe der TU-Dortmund, Aladin El-Mafaalani die Dinge von den Grundlagen der Soziologie per se und dem „Pisa-Schock" 2001 als seine persönliche Motivation für den Forschungs- und Lehrschwerpunkt zu Polykrisen und zum „Bildungsnotstand" 2025. Das Auseinanderdividieren von Problemlagen / Herausforderungen in der „liberalen Demokratie" mit ihrem reinen Gegenwartsbezug - negativ gesagt: bisweilen zu Geschichtsvergessenheit neigend und ohne strategisch integrative Vision für eine mögliche Zukunft deutet er dabei genauso an. Die Überschrift des Gesprächs „Deutschland fährt vor die Wand und keiner bremst“,  führt eigentlich in die Irre: es ist zu lange gebremst worden und jetzt finden wir uns „Lost in Transition" 13 und „Lost in Translation" durch immer wieder ausgebremste Reförmchen, die demographisch lange absehbare Entwicklungen nicht wirklich „eingewickelt" 14 haben, um es mit Bruno Latour zu sagen. Aladin agiert hier einmal mehr zwischen Mahner, Visionär und pragmatischem Missionar, was reale Maßnahmen und Handlungen zur Behebung der gesellschaftlichen Schieflagen insbesondere auf dem Bildungssektor betrifft. Frei nach seinem Motto: „Wenn alle pessimistisch werden, wirkt der Realist wie ein Optimist".

Ich kann mich noch sehr deutlich erinnern, als ich 2003, damals noch als Brandschutzingenieur die erste Schule begutachtet habe. Die Schröder-Regierung hatte das erste Schulbaupaket nach ca. 25 Jahren / einer Generation bewilligt. Diese war völlig verranzt, die Fluchtwegsituation, Brandschutzabschlüsse: da lag vieles im Argen. Das Markanteste jedoch war das als Taubenschlag dienende 60°- Steildach. Ein großartiger Raum für Offene Ganztagsschule OGS und Mensa, die auch von der Nachbarschaft als eine Art Quartierszentrum für abendliche Veranstaltungen und Zusammenkünfte nutzbar gewesen wäre. Aber dafür hätte man auch das Thema Energieeffizienz und funktionale Raumteilung, neudeutsch „shared spaces" anpacken und die Schule punktuell behutsam „auf links drehen“ müssen. Im Zuge der herrschenden Ideologie der bedingungslosen Gegenwart nicht finanzierbar, also auch nicht plan-oder denkbar.


Heute müssen wir diese Themen endlich zusammendenken und entsprechend planen und handeln. Um- und Weiterbau denken + handeln. Insbesondere von (Grund-) Schulen, die weitaus mehr leisten müssen als sie es heute zu tun vermögen. „Caring und Sharing" als weitergehende gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Und da bin ich Aladin unendlich dankbar, dies immer und immer wieder anzusprechen und von seiner soziologisch transdisziplinären Warte her zu vertiefen. Zu diesen offenen Diskursen und Planverfahren müssen auch Bauplaner, also die vielen Prozessbeteiligten beim Planen und Bauen von Städten und Regionen, von Schulen und Quartierszentren im urbanen und im ländlichen Kontext kommen. Vor allem aber auch im Dialog mit Schülern und Lehrern, also auch im Rahmen von klug gesteuerten Partizipationsverfahren. Zwischen und mit den Generationen und Lehrenden und Lernenden.

 

 

 

d) Sein, Werden und Bleiben

 

In einem weiteren langen Gespräch empfängt der 30-jährige schwäbische Montenegriner oder 1995 geborene Stuttgarter von der Adria aus der Generation Y, die so viel hinterfragt und auch als „Generation Chips“, „Generation What?“ und „Generation Maybe“ bis hin zu „Generation Krise“ bezeichnet wird, Tim Gabel den Ex-Kampfschwimmer der Bundeswehr Clemens Clausen. Mentale Gesundheit, Umgang auch mit fokussierter Aggressivität und vieles mehr: Clemens als jemand, der lange "Martial arts", also Kampfkünste praktiziert und die harte Kampfschwimmer-Ausbildung absolviert und auch lange als solcher gearbeitet hat, spricht mit Tim da viele Themen durch, die essentiell sind zumal bei den Diskursen um Resilienz und die Bundeswehr / Soldatensein und Abschreckung / Wehrhaftigkeit in diesen Zeiten. Gerade auch das Thema der Ruhe und der Fokussiertheit und der Atmung dabei, auch zum Bestehen und Überleben in Gefahren- und maximalen (Di-) Stresssituationen: da sind viele Hinweise zu finden, die unwillkürlich auch den Abgleich mit eigenem Erleben abfordern. Gleichwohl wird deutlich, wie viel Training und Disziplin und stetiges Selbst-Hinterfragen es braucht, um solche Routinen und (Über-) Lebensstrategien zu entwickeln, oder einmal mehr mit Bruno Latour gesagt: sich selber darin „einzuwickeln“. 14


Als einer, der vom 9.-15. Lebensjahr 5-8 km am Tag geschwommen ist, dann aber eine Art "Kachelallergie" bekommen hat, die er erst mit Ende seiner 20er auf langen Strecken überwunden hat, „Kampfkünstler“, der einen Motorrad-Sturz mit  rund 100 km/ h auf einer Eisplatte wegrutschend durch Abspringen und wer weiß wie vielen Rollen schadlos und ohne Kratzer überlebt hat und gerade Judo und darin explizit die Fallschule für essentiell im Grundschulunterricht hält und als (ziviler) Afghanistan-Veteran kann ich manche Situationen, die die beiden da in einem äußerst spannungsreich entspannten Gespräch darlegen gut nachvollziehen. Aber: die jeweilige Situation selbst ist immer anders und jeder, neben dem schon einmal ein Sprengsatz hochgegangen ist oder, dessen Schädel durch eine dafür bestimmte Kugel schon einmal verfehlt wurde (auch wenn's „friendly fire" war) weiß, dass man sich nur bedingt durch das Lesen von Büchern auf so etwas vorbereiten kann. Mentales und physisches Training dafür jedoch ist unabdingbar. Ich werde nie jene Einheit vergessen, die ein leider viel zu früh verstorbener Karatelehrer von mir mal mituns durchführte: eine Minute auf einem Quadratmeter die Deckung halten, während drei andere Dich mit Boxhandschuhen in dieser Raumecke traktieren. Eine der längsten Minuten meines Lebens. Thomas, den ich immer als kreativsten Kämpfer unter dem Himmel bezeichnete: er möge in Frieden ruhen.


Gerade zu Afghanistan jedoch gäbe es auch in dieser Hinsicht noch unendlich viel zu sagen. Meine Entscheidung dereinst, 2008, dorthin zu gehen und mehr: wer US Marines-Veteran Phil Klay's „Missionaries", 15 auf Deutsch: „Den Sturm ernten" gelesen hat, der findet manchen (in-) direkten Hinweis darin. Aber zudem gepaart mit der eigenen Geschichte auch meines Großvaters, der 1936, im Jahr der Geburt meiner Eltern sagte, dass der Hitler ein Wahnsinniger sei und das Ganze in einer Katastrophe enden würde und mit Oma Emma mit viel Überlebenskunst die 7 Kids durch WK 2 gebracht und dann 1945 bis zu seinem viel zu frühen Tod 1963 auf einer US-Basis gearbeitet hat. Als ich einmal dienstlich in Bremerhaven war und ein Museums-U-Boot dort besuchte, da ging es mir in erster Linie um den Arbeitsplatz des Bordelektrikers, den er als Zivilist und Nicht-Wehrmachtsangehöriger dort eine Zeit lang bekleidete. In den 1950ern waren abends immer wieder Gis im Haus meines Vaters, um mit Opa Deutsch zu lernen, während er sein Englisch mit ihnen verbesserte. So vieles, was es zwischen den Generationen zu erzählen und damit auch zu überliefern und weiter daraus zu lernen gilt. Auch er möge erst Recht in Frieden ruhen.

 

Das dritte Gespräch, das ich bei Renovierungsarbeiten voller Spannung zwischen Tim Gabel und einem Gast hörte, war jenes mit Robin Alexander. Der Journalist aus Wanne-Eickel im Ruhrgebiet, einem der faszinierendsten Kulturräume Europas, dessen hellwacher Blick auf Dinge und Menschen sicher auch aus Diskurs und bisweilen auch Konfrontation mit den drei Kindern zuhause resultiert, die ihn immer wieder erden, schildert da mit Vergnügen seine eigenen Motivationen als Journalist und mit allergrößtem augenzwinkerndem diplomatischen Geschick viele Innenansichten in das Berliner Politikgeschehen. Auch sein im Sommer 2025 herausgegebenes Buch Letzte Chance – Der neue Kanzler und der Kampf um die Demokratie“ vertieft er da wesentlich. Die „Brandmauer“, das stetige Abdriften der AfD ins völkisch-Nationale im Widerspruch zu anderen rechten Parteien gerade West-Europas – etwa Giorgia Melonis „Fratelli d’Italia“ und Marine Le Pens und Jordan Bardellas „Rassemblement National in Frankreich, aber auch den eher hilflosen Versuch des AfD-Verbots thematisiert er pointiert und hochprofessionell. Auch seine Befunde zu den persönlichen Eigenheiten der Führungspersönlichkeiten des Landes der letzten Dekaden, von Kanzler Gerhard Schröder zu Angela Merkel und über Olaf Scholz dann zu Friedrich Merz sind genauso bemerkenswert wie sein geopolitisches Bild, dass die ja eigentlich statisch stabile geometrische Form des „Dreiecks“, in dem Deutschlands Wirtschaftspolitik der letzten Dekaden verankert war, in der Dynamik von Krieg, Disruptiuon und Autokratismus an den drei Polen dieser Figur völlig zerbrochen ist.

 

Die jüngste Meldung nun vom 18.12. 2925, dass der wahrscheinlich beste Kenner des Berliner Politikbetriebs die Redaktion der Welt verlässt, um sich ganz auf seinen Podcast mit dem emblematischen Titel „Machtwechsel“ zu konzentrieren: sie überrascht, spricht aber auch Bände.

 

Philipp Lepenies spricht von „Souveränen Entscheidungen“ beim „Werden und Vergehen der Demokratie“ 16.

Katharina Pistor sagt, „Der Kapitalismus lässt sich durch das Recht transformieren“. Auch dadurch. Aber nicht nur dadurch. Das Recht setzt voraus, dass Mehrheiten auch Minderheiten über den Tag hinaus in ihrer Willensbildung und damit in ihren Handlungsfähigkeiten zukunftstauglich zu integrieren vermögen. Es setzt die Projektion von Bedarfen für mögliche und höchst wahrscheinliche und im Prozess der weiteren Willensbildung gesellschaftliche Realität werdende Zukunftsentwürfe von „Lebensführung“ und „Lebenschancen“ 5 voraus.

Und mehr.

 

 

Der Blick über die Spree auf das Humboldt-Forum, die Nadel des Fernsehturms an Döblins Alexanderplatz, der Dom auf der anderen Seite der Linden am Schlossplatz, die Gräber von Fichte und Hegel, Otto Sander, Egon Bahr, Johannes Rau und Heiner Müller, von Borsig, Stüler, von Karl-Friedrich Schinkel, Heinrich Mann und Anna Seghers, von Helene Weigel und Bertolt Brecht und vielen anderen auch ohne berühmte Namen auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, von Hildegard Knef, Ernst Reuter und Willy Brandt auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof: die Fragen an die Geschichte und das darin begründete kulturelle Erbe gehen weiter. Nur aber die Übersetzung von Handlungen in unsere Gegenwarten hinein vermag uns da zu retten. Das wird nicht einfach. Aber: wann war es das jemals? Schöne Feiertage und alles Gute für ein spannendes und hoffentlich auch gesundes Jahr 2026.

 

 

 

Epilog und Synopsis


„Die weisen Tiere“ heißt ein Märchen von Hannah Arendt, das erst 50 Jahre nach ihrem Tod 1975 im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. Die Dame, die ich schon häufiger als eine Art „Urmutter des Aktivismus“ glorifizierte, kombiniert da Zeitgeschehen, biblische Erzählungen, Märchen- und Mythenmotive und natürlich kognitiv wissenschaftliche Erkenntnisse über Tiere zu einem Reifungsmärchen, das eine wunderbar kurzweilige und schöne Lektüre darstellt. 17

 

Das „Vernebeln“ von Gesellschaft, wie Richard Sennett in seinem reichhaltigen Zitatenschatz auf Ellen Schwamms (Brodkey) 1978 erschienenen Debütroman „Adjacent Lives“ („Benachbarte / Angrenzende / Danebenliegende / Anstoßende Leben“) zurückgreifend darstellt, hat seitdem viele neue welkende Blüten hervorgebracht. 18

 

Das Wiederfinden persönlicher Identitäten im gesellschaftlichen Nebel indes obliegt Täter- und Opferschemen gleichermaßen: ein WIR muss durch Enttabuisierung des Nebels in seiner diffusen Konsistenz einmal mehr im zivilisatorischen Prozess geweckt werden. Der Raum der Möglichkeiten, der in diesem Zusammenhang überhaupt Heidegger und vielen anderen folgend wissenschaftlich synergetisch neu als Ort in der globalen, planetar verwurzelten Stadt definiert werden kann: er muss auch den Bürger als Bewohner dieses Teils der Erdkruste einbeziehen. 19

 

Planen und Bauen obliegt also dem Prozess des „Einwickelns“ des Menschen, um hier erneut auf Bruno Latour zurückzukommen. Dieses die „Entwicklung“ („développer“ im Französischen) ersetzende „Einwickeln“ („envelopper“) jedoch muss ein Sicherheit und Vertrauen aufbauender interaktiver Vorgang sein und darf keine Freiheitsberaubung und Bevormundung hervorrufen. 14     

 

Revisionierbarkeit und Planbarkeit von Räumen für an Orten lebenden Menschen in diesen Zeiten erfordern Vertrauen in Interaktion. Das Fragmentierte kann dabei zum Fraktalen collagiert um- und weitergebaut werden. Sennett verdeutlicht die Starrheit alleine formal gedachter Architektur in der Beschreibung einer Schule Aldo Rossis aus den 1970er Jahren, die in dem Satz gipfelt:

Die Kinder leben in ihr, aber sie hassen sie“. 20

 

Kernthemen der „Nachhaltigkeit“ erfordern insofern wesentliche Neubestimmungen von öffentlichen und privaten Räumen und deren Grenzen. Nicht nur, aber ganz besonders eben auch in Schulen als Orten für Lehrende und Lernende. Innovative Schulkonzepte im Um- und Weiterbau von Schulen zudem als neu zu definierenden Quartierszentren auch mittels transdisziplinärer Verknüpfung von urbanen, öko- und hydrogeologischen und vielen anderen Themen als „Bildungslandschaften“ auf mehreren Ebenen sollen eben auch dazu verhelfen, dass „öffentliches Leben eine Entlastung und Befreiung von Problemen im privaten Leben bewirken kann“. 21

Und umgekehrt.

 

„Nachhaltigkeit“ per se als etymologisch aus der Forstwirtschaft entlehnter, über die Planetaren Grenzen bis hin zur Donut- und zur Gemeinwohl-Ökonomie immer weiter verfeinerter  Begriff fordert zumal in diesen Zeiten vor allem freie Kommunikation. Das, was Sennett im Rückgriff auf Orlando Patterson das Problem des städtischen Platzes in der als solche zugeschriebenen „Community of Identity“ (die „durch Identität bestimmte kommunale Nachbarschaft“) darstellt. 22

 

Dass es just dort in zunehmend autokratischer und segregativer werdenden öffentlichen Diskursen hakt: das sollte nicht nur hier deutlich geworden sein. Beratungsresistenz und Ausschlussverfahren bei nur einem vermeintlich negativem Kriterium schon im Vorfeld verdeutlichen, dass es sich da eher um Überforderung mit vielen Aspekten der Zusammenarbeit und der gesamtgesellschaftlichen Transformationen handelt. Die Delegation von Verantwortung und die gleichzeitige bedingungslose Umkehrung der Beweislast für diese Überforderungen scheint da zudem Regel, nicht Ausnahme zu sein. Umso wichtiger ist es, die Themen von Wohnungskrise (05 / 2025) über die Arbeit (06-08 / 2025) und die Transformationen (09-10 / 2025) endlich besser zusammenzufassen. Das heißt eben auch, Denken und Handeln nicht nur von Architekten und Raumplanern neu und anders zu verorten. Spannungs- und Handlungsfelder darin und damit zwischen Theorie und Praxis also neu und anders auszutarieren.

 

Die Rolle von Subjekt oder Objekt in diesem Prozess der dabei zu gewinnenden örtlichen Selbstbestimmung wird per se durch die Sicherheit der Grenzziehung zwischen privatem Rückzugsraum und öffentlichem Aus- / Verhandlungs- und Entscheidungsraum geschaffen. Womit wir wieder bei Aristoteles und bei Elinor Ostrom wären. Und bei Michaela Otts Bestimmung der Person als in einer „bedingt unteilbaren Vielfachunterteiltheit“ lebender, entsprechend vielfältig divers selbstverständlicher Kreatur. 23

 

Wir kommen dabei aber auch erneut auf Richard Sennett, der die Vergegenständlichung der Debatten im zurückblickenden Vergleich zwischen dem Sprecher und „Stadtmacher“ in Paris 1781 und in New York City 1981 darstellt. Die Freiheit des Worts als Grundlage des Stadt- Seins und Werdens konkretisiert er nochmals mit Hans Georg Gadamer und Jürgen Habermas. Die Verdinglichung der Debatten offenbart darin gleichsam Fluch und Segen, weil persönliche Erfahrungen und Lebenswelten auch Plato folgend darin Gefahr laufen, unterzugehen. Die Vulnerabilität von freier Meinungsäußerung indes obliegt maßgeblich eben der Sensibilität des Diskurses um die vielen Segmente und Wahrheiten von Menschen und Dingen als Bewohner dieses städtischen oder jenes ländlichen Teils der Erdkruste. Wobei die Stadt eben als verdichtete Polis noch einmal wesenhaft hervorsticht. Sie wird, wie wir auch bei New York City jüngst bei der Wahl Zohran Mandanis gesehen haben, unbedingt zurücksprechen und Widerstand gegen manipulative Vergegenständlichung zeigen. Wie auch Saskia Sassen, Sennetts Ehefrau sagt.

 

Als Schlusspunkt seiner Vorlesungen zu „Demokratie und urbane Form“ in Harvard 1981 kommt Sennett dann wieder auf Hannah Arendt. Bezüglich der Diversifikation von Erfahrungen in Städten und der oftmals daraus resultierenden Einsamkeit der Einzelnen zitiert die „Urmutter des Aktivismus“ am Ende von „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ den spätrömischen Stoiker Epiktet: „Isolation geschieht, wenn eine Person sich von anderen Personen gemieden fühlt. Und Einsamkeit geschieht, wenn eine Person sich Menschen ausgesetzt fühlt, die sie nicht verstehen können“.

Richard Sennett sieht in dieser „neuen Ordnung der Einsamkeit“ eine wesentliche Herausforderung in modernen Städten, der wir uns stellen müssen. 24

 

Das gesellschaftlich vernebelte Sein erfordert das Öffnen für solche Prozesse und die damit verbundenen Möglichkeitsräume. Albert Einsteins Bonmot: „Die Theorie bestimmt, was wir beobachten können“ ist in diesem Kontext zu übertragen in:

„Die Theorie gesellschaftlich liberaler Demokratie selbst bestimmt, was wir wie und wo in planetaren Grenzen planen und um- und weiterbauen können“.

 

Die Algorithmen des alltäglichen, als Gewinn deklarierten Verlusts indes scheinen in diesem Nebel solchen Entwürfen nicht hold. Stattdessen gleiten wir ab in endloses Gemurkse. Ohne aber zu bedenken, dass die Ressourcen unseres Seins endlich sind.  „Das Leben ist kein Irrtum. Kein Irrtum und Musik.“

Der Raum für diese Musik indes ist erst einmal (neu) zu entdecken.

„Ich warte. Immer noch.“

 

 

 

 

Anmerkungen

  1. Kahneman, Daniel – “Schnelles Denken, langsames Denken“ (“Thinking fast and slow“); © 2011 by Daniel Kahneman, © 2012 der deutschen Ausgabe Siedler Verlag München in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH (German)
  2. Virilio, Paul – „Rasender Stillstand“; Essay, © 1992 Carl Hanser Verlag München, Wien – Originale französische Ausgabe 1990: „L’ intertie polaire“ (“Polar Inertia”, London, Sage, 1999).
  3. Virilio, Paul – „Die Ästhetik des Verschwindens“ - © 1986  Merve Verlag Berlin – Originale französische Ausgabe 1980: “L’ Esthétique de la disparition”, Balland, Paris 1980, (“The Aesthetics of Disappearance. New York: Semiotext(s), 1991)
  4. Sennett, Richard – „Democracy and Urban Form  – The Incidents, Nov. 4, 12, 18, and Dec. 2, 9, 16, 1981 Piper Auditorium, Grand Hall, Harvard University, Grad. School of Design“; © 2024 by the president and fellows of Harvard College and Sternberg Press.

Siehe dazu auch explizit die auf LinkedIn publizierte kurze Besprechung eines Keynote-Vortrags von Richard Sennett im Rahmen des Urban Lab der Berliner Architekturgalerie AEDES vor der Ausstellungseröffnung von „Democratic Design“ in den Räumen der Galerie am Pfefferberg in Berlin am 12.12. 2025.

  1. Müller, Hans-Peter – „Max Weber. Eine Spurensuche“ – (“Max Weber. Search for Clues”) Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 2317, © Suhrkamp Verlag Berlin 2020.
  2. Amiri, Natalie – „Der Nahost-Komplex – Von Menschen, Träumen und Zerstörung“; © 2025 Penguin Verlag
  3. Blattman, Christopher – „Why we fight – The roots of War and the Paths to Peace – Penguin Books 2023; © Christopher Blattman 2022 („Warum wir Kriege führen. Und wie wir sie beenden können.“ Ch.-Links-Verlag, Berlin 2023).
  4. El-Mafaalani, Aladin – Misstrauensgemeinschaften – Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien“, © 2025, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; S. 86, 87
  5. Ostrom, Elinor - „Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action” („Die Verfassung der Allmende“, Deutsche Ausg.), © Cambridge University Press & Assessment 1990, 2015, Canto classics edition 2015
  6. Feichtner, Isabel, Heeg, S., Klingenmeier, A., Langlotz, G. & Schubel, K. (Eds.) (2025). „Stadt – Land – Boden. Verbindende Bodenpolitik zwischen Stadt und Land“. transcript Verlag, Bielefeld, © Herausgeber:innen und Autor:innen; darin: Löhr, Dirk: „Entkapitalisierung von Grund und Boden“, S. 311-320  
  7. Sennett, Richard – „Democracy and Urban Form“, S. 135, kursiv gedruckte Passagen hier vom Verfasser übersetzt.  
  8. McLuhan, Marshall – „Die magischen Kanäle - Understanding Media“,
    ©1964 by Marshall McLuhan – für die deutsche Ausgabe ©1968 ECON-Verlag GmbH, Düsseldorf und Wien – hier – Fundus 127 – Fundus Bücher, herausgegeben von Gerti Fietzek und Michael Glasmeier – Verlag der Kunst Dresden – Basel 1995
  9. Bialobrzeski, Peter – „Lost in Transition“ –© 2007 Hatje Cantz Verlag, Ostfildern und Autor / Fotograf für die abgebildeten Fotos. Der nur noch im Antiquariat erhältliche Fotoband von 2007 mit dem bemerkenswerten Vorwort von Michael Glasmeier indes gibt auf den Filmtitel von Sofia Coppolas „Lost in Translation“ von 2003 zurückgehend auch den (nicht copyright-geschützten, insofern nicht „Plagiat-verdächtigen“) Titel für manche anderen transdisziplinären Projekte und Ausstellungen: als vom Austausch e.V. für eine europäische Zivilgesellschaft“ 2022 initiiertes, vom Auswärtigen Amt und der „Bundesstiftung Aufarbeitung“ gefördertes Projekt oder als   Ausstellungstitel im Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg zu „Künstlerischen Annäherungen an ein Leben im Übergang“ 10-11 / 2025. Oder auch hier dann als Titel eines Sachbuchs von 2013, das „Wege der kulturellen und religiösen Identitätssuche“ beschreibt.
  10. Latour, Bruno; Schultz, Nikolaj – „Zur Entstehung einer ökologischen Klasse – Ein Memorandum“  – (“Creation of a new Ecological Class – A Memorandum”, Franz. Original: „Mémo sur la nouvelle classe écologique“ , © Editions La Decouverte, Paris, 2022) © d. dt. Ausgabe: Suhrkamp Verlag AG Berlin, 2022, S. 27.
  11. Klay, Phil – Missionaries” ( dt.: „Den Sturm ernten“);

Penguin Books US 2020; © 2021 beim Autor

  1. Lepenies, Philipp – „Souveräne Entscheidungen – Vom Werden und Vergehen der Demokratie“ – edition Suhrkamp 2844; © Suhrkamp Verlag AG, Berlin 2025.
  2. Arendt, Hannah – „Die weisen Tiere“; © Hannah Arendt Blücher Literary Trust, © 2025 Büchergilde Gutenberg Verlagsgesellschaft mbH, Frankfurt am Main, Leipzig, Wien und Zürich, © Nachwort: Hildegard E. Keller, Zürich.
  3. Sennett, Richard – „Democracy and Urban Form“, 1981 lectures, S. 163
  4. Sennett, Richard – „Democracy and Urban Form“, 1981 lectures, S. 202-203
  5. Sennett, Richard – „Democracy and Urban Form“, 1981 lectures, S. 211
  6. Sennett, Richard – „Democracy and Urban Form“, 1981 lectures, S. 225
  7. Sennett, Richard – „Democracy and Urban Form“, 1981 lectures, S. 239
  8. Ott, Michaela - „Dividuationen – Theorien der Teilhabe“; © 2015 bbooks, Berlin, S. 21
  9. Sennett, Richard – „Democracy and Urban Form“, 1981 lectures, S. 254, Übersetzungen aus dem am. Englisch kursiv wie auch bei anderen Zitaten vom Verfasser hier.
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© Stefan Frischauf