Ein paar höchst persönliche einleitende Worte zu diesen Themen: den Begriff „Boomer“ 1 habe ich erst in den letzten Jahren öfters gehört. Als ich aufwuchs, lernte ich irgendwann die Kategorie der „Generation X“ 2 kennen und fühlte mich irgendwie dieser auch zugehörig. Dass sie vielseitig und vielschichtig, keine homogene Masse war und eben deswegen auch rätselhaft ist, das steckt ja schon in der Variablen, der mathematischen Unbekannten in der Gleichung, zu der bald, mit Y und Z weitere Unbekannte kamen. Verschiedene Definitionen dieser Kategorisierung variieren bei der GenX zwischen den Geburtsjahren 1965-1980 vs. 1961-1981. Charakteristisch indes sind bei „Baby-Boomern“ 1 und „Generation X“ 2 viele Konflikte zu vorangegangenen und nachfolgenden Generationen. Also eigentlich so wie immer. Über alle Generationen und Kulturen, jeweils immer verschieden ausgeprägt. Sollte man meinen. Die Heraus- und Anforderungen indes sind immer wieder anders und sehr spezifisch. Von Situationen, zeitlichen und kulturellen Begebenheiten und Begegnungen und mehr persönlichen und kulturellen Veranlagungen und dann wieder entwickelten oder in die Persönlichkeit eingewickelten Beziehungen geprägt. Die Vorsilben inter- und / oder trans- können da allen hier genannten Attributen zwischen allen Zeiten und Räumen zugeordnet werden.
Auch Bildungs- und Migrationssoziologe Aladin El-Mafaalani hat bisweilen einen spöttischen, verkürzt polemischen Unterton bei der Verwendung des Begriffs „Boomer“. Er verweist aber auch wesentlich gemeinsam mit Sebastian Kurtenbach und Klaus Peter Strohmeier auf das gute Verhältnis der Generationen untereinander heutzutage und die Erfordernis von Um- und Weiterbau eines ganz anderen Altersbegriffs im Zuge unserer Ruhestands- und Altersbedingungen und der per se auch gestiegenen Lebenserwartung. Ein „drittes Lebensalter“ 3 , das eigentlich als „nachberufliche Zeit“ 3 definiert wird, geht mit ganz anderen alltäglichen Herausforderungen einher ob leerer Rentenkassen und generellen Formen des Teilens von Erfahrungen und von Wissen aus unseren gelebten Zeiten. In die Zukunft gerichtetes kulturelles Erbe, das Werte und Wesen der Dinge weitergeben soll im Rahmen auch von Care-Arbeit und Kinderbetreuung. Der eigenen Enkel, aber auch der Enkel befreundeter oder auch zunächst fremd vermittelter Familien oder allein-erziehender Elternteile. Woraus ja durchaus auch enge Freundschaften und vertrauensvolle nachbarschaftlich verwurzelte Bindungen entstehen können.
Da die Biographien der „Generation X“ 2, auch meine als 1964 geborener Mann durchaus wechselhaft und nicht-linear sind, sowohl, was das Erwerbsleben, als auch was Liebesleben und Beziehungen betrifft und von daher für viele, wenn nicht gar die meisten von uns die Rentenerwartungen eher bescheiden sind, könnte die per se als „nachberufliche Zeit“ 3 des „dritten Lebensalters“ 3 definierte Zeit auch als „regenerativ und transitorisch vermittelnde Zeit“ zudem im „spät-beruflichen Rahmen“ definiert werden. In Anbetracht vielfacher Job- und auch Statuswechsel in unseren Erwerbsbiographien zwischen Angestellten-Tätigkeiten auf verschiedenen Ebenen und oftmals eben auch gescheiterten Unternehmungen als Selbständige indes können wir ja auch vieles sowohl, was das Framing, den Rahmen als auch den Content, den Inhalt von Leben und Arbeit betrifft an die Jüngeren, die Nachgeborenen weitergeben. Als Vorbereitung und Rüstzeug für manche zu erwartenden Hindernisse, die sich auch vor Gen Z und Millennials nun auftun. Eine Art von Begleitung, die wie alles eigentlich sehr viel Vertrauensaufbau erfordert. Ein immer beiderseitiger, vielleicht gar multilateraler Vorgang. Denn: die Hindernisse, die sich da vor den Jüngeren auftun, bauen sich im Team-Sinne auch vor uns auf. Immer wieder. Und immer mehr.
„Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better."
(„Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es nochmal.
Scheitere erneut. Scheitere besser.“) 4
Dieses Zitat aus Samuel Becketts Story „Worstward Ho“ von 1983 fällt mir dazu immer wieder als erstes ein. Letztlich stellt uns das Leben ständig vor Situationen, wo wir dem irischen Kosmopoliten und Literatur-Nobelpreisträger (1906-1989) von 1969 folgen. „Here we go, leaving the state of Waiting for Godot once again“ möchte man dabei den Jüngeren zurufen, die sich ja letztlich in ähnlichen Situationen des eher ängstlichen Verzagens wiederfinden, wie man sie selbst vielleicht ein bis zwei oder mehr Jahre und Jahrzehnte und mehr zuvor er- und durchlebt hat.
Letztlich hat man selbst, habe ich selbst so viele Fehler gemacht in meinem Leben, habe so viele Entscheidungen mehr oder weniger bewusst gefällt, die immer wieder voller Ambivalenzen und „Bias“ sind und als solche bis in die heutige Gegenwart nachwirken. Aber: das ist eben das Leben. Oder, wie der dänische Philosoph, Essayist und evangelisch-lutherische Theologe Søren Kierkegaard (1813-1855) einst wohl sinngemäß in einem Tagebucheintrag gesagt hat:
„Das Leben kann nur rückwärts verstanden, aber muss vorwärts gelebt werden“. 5
Und: neben „Boomer“ 1, ob ausgesprochen oder sonst wie im Verhalten als abqualifizierend bewertet, bin ich auch dem „seit den 2010er Jahren verwendeten Schlagwort“ und Etikett „alter weißer Mann“ 6 ebenso schon häufiger begegnet. Als einer, der mit 25 die ersten grauen Strähnen hatte und mit Anfang dreißig dann völlig ergraut war und vor allem: als einer, der mit den Privilegien, die diese Klientel sich so gibt, durchaus immer seine eigenen Probleme hatte indes, möchte ich gerne da drüberstehen. Vielleicht auch, weil ich meine eigenen Kinder und auch jüngere Freund*innen und Kolleg*innen dafür wappnen möchte, mit solchen oft sehr halsstarrigen Leuten zu bestehen. Und bisweilen eben auch gegen sie zu bestehen. Und mit Eleganz und Klugheit bisweilen diese Leute in ihrer allzu häufig arroganten und ignoranten Haltung eben auch in vielen Sach- und Fachfragen, die sie so vertreten zu bekämpfen. Und so die abseits vom Persönlichen und vom Status her ausgebremsten erforderlichen Themen, insbesondere die Transformationen von Menschen und Dingen eben auch nach vorne zu bringen. Denn: der Terminus der „Alten weißen Männer“ 6 kam ja durchaus auf, weil eine erneute Bürgerrechtsbewegung „Anfang der 1990er Jahre in den USA : Junge, Schwarze und Frauen ihr Recht auf Mitbestimmung einforderten“. 6 Und die Erfordernis nun einer neuen Bürgerrechtsbewegung hier wie dort, intra- und transgenerationell wie intra- und transsexuell: einer Bewegung, die maßgeblich neue Formen der Lebensraumgestaltung und der Mitbestimmung darin erproben will und dafür eben auch weitere Rechte einfordert: dieser Erfordernis sollen hier ja auch viele Impulse gegeben und Nachdruck verliehen werden.
„Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ 7
Wolf Biermanns Lied von 1991 gibt da im Titel ein weiteres Kernzitat hier ab. Das Leben des 13 Tage vor meinem Vater 1936 geborenen Hamburgers, der als DDR-Bürger 1976, wie Heinrich Böll damals sagte „ein in die Heimat Vertriebener“ 7 wurde, steht hier auch exemplarisch zwischen allen Ideologien. Für die oft widerspenstig gegen alle Unbill und subtile oder offene Gewalt zu verteidigenden Werte der Würde nach Art. 1 GG: Freiheit, Gleichheit, Solidarität.
Beide Begriffe hängen unmittelbar zusammen. Gleichwohl gibt es kleine, aber feine, primär zeitliche und behavioristische Unterschiede in ihren jeweiligen Formen des Auftretens und des damit verknüpften Ausdrucks. In Wertung und Gewichtung indes stellen sie sich ganz verschieden dar. Auch in der allgemeinen gesellschaftlichen Konnotation manifestieren sich da gewaltige Unterschiede.
Während „Autosuggestion“ 8 im individualistischen Mindset überwiegend als eine Art „positivistischer Game changer“ und bewusste „Form der selbstinduzierten Suggestion“ 8 durch Techniken wie „Selbst-Hypnose und wiederholte Selbst-Affirmationen“ 8 betrachtet wird, wird „Wunschdenken“ 9, vom Englischen „wishful thinking“ 9 abgeleitet überwiegend als „unkritisch“ 9, und „die realen Gegebenheiten ignorierend“ 9 oder mit „verdrehten, unrealistischen, nur den eigenen Wünschen entsprechenden Annahmen und Vorstellungen“ 9 arbeitend rezipiert. Bei dem einen wird also die aktive Bearbeitung des eigenen Unbewussten positiv konnotiert und bei dem anderen wird eine Art passiv manipulative Selbsttäuschung konstatiert.
Unmengen von Coaching-Konzepten arbeiten mit Autosuggestions-Techniken vielerlei Arten. Das Ganze resultiert ursprünglich aus den Forschungen und Beobachtungen des französischen Apothekers und Psychologen Émile Coué (1857-1926) 10. Mantras und meditative Techniken zur Überwindung überwiegend (psycho-) somatischer Leiden durch „das Primat der Vorstellungskraft über den Willen … soweit ihr keine Naturgesetze entgegenstehen“ 10 und mehr sind da heute wesentlich verfeinert. Gleichwohl sind auch Studien zu „Placeboeffekten“ 11 heute wesentlich weiter.
Ein grundlegendes Thema: das Problem des Individualismus per se auch darin wird jedoch kaum wirklich angesprochen. Zumal, wenn es um kollektive Entscheidungsprozesse geht, in denen eben auch vielfältige Aushandlungsmöglichkeiten divergierender Interessenslagen unbedingt ausgeschöpft werden müssen. Und wo eben auch verschiedene Verlaufsformen bei verschiedenen Entscheidungen als „Plan A“, Plan B und wahrscheinlich öfters auch Plan C existieren und so auch vorher prüfend betrachtet werden sollten. Akteur-Netzwerk-Theoreme und die entsprechenden Beziehungen, der erforderliche Vertrauensaufbau in diesen Verhandlungsmodi verlangen Kommunikationsformen, die außerhalb des Individuums stehen. Außerhalb unseres Selbst als Dividuum: als in gesellschaftlichen Rahmenbildungen durch „bedingt unteilbare Vielfachunterteiltheit“ 12 charakterisiertes Wesen. Eine® von vielen, die oder der alleine nicht (über-) lebensfähig ist.
„Autosuggestiv selbstfremd-bestimmtes Wunschdenken“ 8,9 scheint es da durchaus genauso zu geben wie „vom eigenen Selbst fremdbestimmt unkritisch alle vermeintlich realen Gegebenheiten ignorierendes, verdrehten, unrealistischen, nur den eigenen Wünschen entsprechenden Annahmen und Vorstellungen“ 8,9 folgendes Handeln. Und mehr, was zumal in eigentlich eher kollektiv zu verantwortenden Entscheidungsprozessen bisweilen bizarre Beratungsresistenzen und Halsstarrigkeiten hervorruft. Zumal, wenn vieles von alleine Macht-induzierten, letztlich aber (in-)dividualen Ängsten unterworfenen, (ir-)rational gesteuerten, autoimmun-suggestiven (Un-) Verantwortlichkeiten des überforderten (Selbst-) Bewusstseins im Herdentrieb vieler Egos gesteuert zu sein scheint. Aber natürlich alles im demokratischen Framing. Auch wenn der Content dann einige Jahre selbstvergessene Gültigkeit haben soll.
Grau- und Zwischentöne sind da also einmal mehr näher an den Realitäten als idealtypische Definitionen und Vorstellungen, die primär schwarz und weiß gemalt sind. Zumal in Zwischenzeiten und Zwischenräumen. Und: in denen leben wir ja derzeit. Auch wenn es genügend Menschen gibt, die sie eher als „Endzeiten“ oder „Endspiele“ 13 deklarieren wollen. Wobei wir da unweigerlich wieder beim unverbesserlich kämpferisch optimistischen Pessimisten oder aber unverzagt pessimistisch den hoffnungsfrohen Optimismus beschwörenden Samuel Beckett landen. Ein generelles Verständnisproblem menschlicher Existenz in Zwischenzeiten und Zwischenräumen, also eigentlich auch immer im Hier und Jetzt artikuliert sich auch in den Hauptfiguren von Becketts Stück „Endspiel“ von 1956: „Personifiziert Hamm die Ignoranz der Mächtigen gegenüber der drohenden Vernichtung? Und vielleicht Clov die Angst vor der rettenden Veränderung?“ 13
Einmal mehr sei hier exemplarisch auf eine oder mehrere Situationen hingewiesen, wo sich die Dilemmata zwischen mehr oder weniger selbst- und vor allem fremdvergessener „Autosuggestion“ 8 und mehr oder weniger dem Selbst oder dem Fremden Sinnbefreiten „Wunschdenken“ 9 äußern.
Die „Novelle Gebäudemodernisierungsgesetz GMG“ von Ende Februar 2026 bewirkt gegenüber dem ursprünglichen „Gebäudeenergiegesetz GEG“ eine hochgradige Verunsicherung auf allen Seiten: Verbraucher, Anlagenbauer, und Installateure, also Handwerksbetriebe und viele andere Bürger, die da Mieter und Vermieter sind. Der „Eigentümer-Nutzer-Konflikt" im Mieterland Deutschland mit vielfältigem „kleinteiligen Streubesitz" fällt bei diesem bisherigen Höhe- oder Tiefpunkt der „fossilen Konterrevolution", andernorts habe ich auch den Begriff „Fossilokratie" gelesen komplett hinten über. Die völlige Ahnungslosigkeit von diesen komplexen Themen drückt Carsten Linnemann insbesondere im verbalen Schlagabtausch mit Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann wieder bei Markus Lanz, diesmal wohlwollender kommentiert von Maurice Höfgen ständig aus. Populistischer Revanchismus, gesteuert von Marcus Söder, dem CSU-Chef und kleineren, föderalen Koalitionspartner der Union in Bayern und billige Anbiederung an die eigene Lobby-Klientel: fachliche und sachliche Inkompetenz werden hier im Verhalten und den geradezu lächerlich traurig dummen Antworten des Unions-Generalsekretärs mehr als deutlich. 14 In einem zweiten, von Maurice Höfgen auf „Geld für die Welt“ kommentierten Interview, diesmal der die „Gesetzesnovelle fossile Rolle rückwärts GEG zu GMG“ letztlich „fachlich zu verantwortenden“ Wirtschaftsministerin Katherina Reiche selbst aus dem „Bericht aus Berlin“ , entlarvt sich die unverblümt rat-, aber auch irgendwie völlig perspektivlose, alle, vor allem Mieter völlig für dumm verkaufende Politikerin letztlich selbst. Auch die Verkündigung der „Gesetzesnovelle GEG wird zu GMG“, bei der Unions-Fraktionschef Jens Spahn sich als „Che Guevara des Heizungskellers im deutschen Wohneigentum“ geriert: die Frage, wann der Konservativismus sich gegen alles, die (Wert-) Schöpfung begleitende, Interessen zwischen Bürgern und Dingen regelnde Vorhaben wandte, wann also der Konservativismus offen autokratisch vermeintlichen Lobby-Interessen vor die Bewahrung der Schöpfung als unserer Mitwelt den Vorrang gab: diese Frage nach den Kipppunkten stellen sich immer mehr Menschen. 15
Wie lange solch eine Aktion indes das politische Klima belastet, um nicht zu sagen: vergiftet: das steht auf einem anderen Blatt Papier. Oder digital in einem anderen offenen oder irgendwie verschlüsselten Dokument. Dass manche® da eine Art „fossilen Fukushima-Moment“ nach dem israelisch-US-amerikanischen Angriff auf den Iran am zweiten Samstag des diesjährigen Ramadan herbeisehnt: das ist da trotz der Tragik per se der Ereignisse durchaus nicht unbegründet. Über den Entscheid für den Atomausstieg der Bundesrepublik der damaligen Kanzlerin und promovierten Physikerin Dr. Angela Merkel, sichtlich geschockt von der Havarie des japanischen Atomkraftwerks Fukushima nach einem Tsunami, ausgelöst durch „ein Beben der Magnitude 9,1, das 70 Kilometer vor der japanischen Küste die Erde aufriss am Freitag, den 11. März 2011. 14.46 Uhr und 23 Sekunden“ 16 wird vor dem Hintergrund von mehrfachen Schüben von Energiekrisen und der „Klimakrise“ immer wieder gehadert. Dass die alten bequemen Fahrwasser einer neurotisch Angst-beherrschten Politik des Business as Usual nicht unerheblich als Kühlwasser dort radioaktiv verseucht, andernorts mit Ronna- bis Quettagramm-Tonnagen, also 1027 kg und mehr oder weniger 17 von Mikro- bis Makroplastik „nachhaltig“ belastet sind: das interessiert da scheinbar keinen. Das „weit in die Zukunft hineinreichende kulturelle Erbe“ 18 solcher gigantischen Verschmutzungen planetarischer Lebensräume von Menschen und anderen Tieren und Dingen indes sollte uns sehr wohl interessieren.
Die Bewertung des Krieges im Iran ist zumal noch einmal verstärkt im Konnex mit dem nach dem 2. Weltkrieg installierten Völkerrecht in seinen Ambivalenzen und „kognitiven Verzerrungen“, also Bias 19 spannend abwägend zu betrachten.
Die persisch-deutsche Journalistin Isabel Schayani schafft es, diesen Zwiespalt und diese Zerrissenheit auszudrücken, um die alle Politiker sich scheinbar völlig verständnislos und eigentlich zum Teil auch unbelehrbar herumdrücken. Ihre deutsche Hälfte sagt nach dem Tod von Ajatollah Chamenei nachdenklich: Da ist jemand gestorben 20. Die iranische Hälfte sagt: da ist ein Mensch, ein grausamer Diktator gestorben, der bald 37 Jahre lang „Krieg gegen die Welt und seine eigenen Bürger“ 20 geführt hat und unter dessen Befehlsgewalt zumal jüngst, am 8. und 9. Januar 30.000 und mehr iranische Bürger getötet worden sind. Insofern spricht sie durchaus zu Recht von einer „Befreiung“ 20 für die bald 92 Millionen Menschen, die im Iran leben und die großen Exil-Communities von Menschen iranischer Herkunft weltweit, die in den letzten Dekaden vor dem Terror der Mullahs und manche schon davor, während der Diktatur des Schahs in Folge des CIA- und MI 6-gesteuerten Putsches gegen Premierminister Mossadegh in der „Operation Ajax“ 1953 21 geflohen sind. Wichtigste Motivation der von den US und dem UK gesteuerten „Operation Ajax“ war das „am 15. März 1953 im Teheraner Parlament verabschiedete Gesetz zur Verstaatlichung der iranischen Ölförder- und Raffinerieanlagen.“ 21
Die „Einsatzszenarien“ der „Koalition der Willigen“, auch des Bundeskanzlers, aber auch von SPD-MdB Ralf Stegner, der da „Alternativen zum Krieg“ 20 fordert, offenbaren sich geradezu als hilflose europäische Gesten. Auch den Zwiespalt zwischen „Festhalten am Völkerrecht“ und „drängendem Wunsch des iranischen Volkes, sich von Terror und Diktatur zu befreien“, drückt Isabel Schayani beispielhaft aus. Sie verdeutlicht, aus welcher gesicherten Position wir als Europäer über das Geschehen in Ländern wie eben dem Iran nach dem 28. Februar 2026 sprechen: „Wir haben aber gleichzeitig eine Situation, wo die Menschen uns sagen: ‚Also entweder Ihr gebt uns Waffen und Ihr macht es von draußen, wir werden die nicht anders los.‘ Und dann passieren zwei Sachen, die eine Gehirnhälfte (SPD-MdB Ralf Stegner 22) sagt: ‚es gibt doch Völkerrecht und wenn wir etwas erreicht haben in dieser zivilisierten Welt, dann ist es wegen diesem Völkerrecht und seiner Regeln und warum wenden wir die nicht an?‘ - und die andere Hälfte (Historiker Michael Wolffsohn 23) sagt dann: ‚Aber wie willst Du die sonst loswerden? Die kriegst Du nicht los mit Sanktionen, das hat man doch gesehen, also, ich meine: die ganze Batterie an diplomatischen Möglichkeiten ist ausprobiert worden im Iran und es ist folgenlos geblieben, die Folge ist, dass dieses Regime noch härter, also jedes Mal noch härter gegen die eigene Bevölkerung vorgegangen ist.‘ Und ich sehe uns als Europäer hier in einem wirklich ethischen Dilemma, weil wir einerseits natürlich etwas haben, was auf unserem Grund und Boden sich entwickelt hat, worauf wir stolz sind, was wir in unserem Blut drin haben, dass wir sagen: hier, Rechtsstaatlichkeit und Völkerrecht. Und dann sehen wir aber auf einen anderen Bereich auf dieser Erde, wo die verdammt noch mal damit nicht weiterkommen, dann sehen wir und hören wir Geschichten aus Gefängnissen und von Familien, da kommen wir überhaupt nicht hinterher und ich habe ehrlich gesagt, wenn ich Ihnen beiden zuhöre, darum ist das interessant, Ihnen beiden zu folgen, aber: ich habe da auch keine wirkliche Antwort darauf, wie man das jetzt wirklich lösen kann, weil wir als Europäer da einerseits die Werte haben, aber wenn’s außerhalb von Europa ist, dann kommen wir da nicht wirklich mit parat.“ 20 Legendär. Großartig.
Auch weiterhin verdeutlicht sich, dass ein „Regime Change“ kein leichtes Spiel ist und wird. Politische Weltfremdheit indes: Autosuggestion 8 und Wunschdenken 9 treten da immer wieder in vielen Formen und Anteilen sich selbst und andere irgendwie ob des hinhaltenden, für viele Menschen tödlichen Elends vertröstend auf. Innenpolitische Interessen Trumps und Netanyahus in den US und in Israel im Hinblick auf Wahlen in diesem Jahr in beiden Ländern und bei Trump auf Ablenkung vom wahrscheinlich zigtausendfach geschwärzten Erscheinen seines Namens in den Epstein-Files machen das Ganze nicht leichter. Der Reformbedarf des Völkerrechts, die berechtigte Sehnsucht des iranischen Volkes, lieber für etwas: ihre Würde und ihre Selbstbestimmung zu leben, zu kämpfen und vielleicht auch zu sterben: im sicheren Mitteleuropa ist wesentlich ein Umdenken und Austarieren, vor allem auch ein Aushalten und Thematisieren von Ambivalenzen und Bias 19 erforderlich.
Bemerkenswert auch die gleichfalls höchst ambivalente Rolle des ältesten Schah-Sohnes Reza Pahlavi 24 für einen föderalen Staatsaufbau, in dem also auch kurdische, alevitische, Bahai und andere regionale und religiöse Minderheiten geschützt werden sollen und Michael Wolfssohns Hinweis auf Spaniens späte Demokratisierung nach dem 2. Weltkrieg, die ja auch verbunden war mit der Inthronisierung von Juan Carlos I. zwei Tage nach Francos Tod am 22. November 1975 25. Zu Rolle und Tradition Spaniens als strikt neutrales, seine Werte streng und konsequent bewahrendes Land unter dem Sozialdemokraten Pedro Sánchez auch in diesem Falle wieder ist zudem noch zu sagen: im ersten Weltkrieg war das Land im Westen Europas auf der iberischen Halbinsel auch neutral, während weiter nordöstlich auf dem Kontinent viele Nationen und ihre Bürger begeistert in die Schlacht zogen. Es bleibt zu hoffen, dass das Land und Europa ihre Zerrissenheit weitestgehend schadlos überstehen auch in diesen Zeiten. Dass daraus im Gegenteil auch wieder Stärke und eine größere Einheit erwachsen.
Im weitesten Sinne selbstbewusst „subaltern“ 26 denkende kluge und gebildete Menschen aus dem globalen Süden in nord-westlicher Diaspora lebend betonen, dass die Welt und ganz besonders die sie erneut beherrschenden Tyrannen und Despoten nichts gelernt haben nach dem 2. Weltkrieg und überhaupt aus der Geschichte und dass sie und wir diese Geschichte nun wiederholt durchleben müssten. Der Schmerz, den sie und wir dabei empfinden: er äußert sich bei jede® und jedem anders. Mehr oder weniger stark an dem einen oder anderen persönlichen somatischen und psychischen Schwachpunkt. Deren Bearbeitung ja auch ein Lebenswerk sein kann.
Im Sommer 2009 picknickte ich mit iranischen Kollegen, Freunden und Partnern in der rund 100 km nordöstlich der Hauptstadt Kabul gelegenen afghanischen Provinz Panjshir 27. Die persischen Partner dort waren mit dem Bau des Ahmad Schah Massoud 28 -Kulturzentrums beschäftigt. Massoud, der „Löwe von Panjshir“ 28, der afghanische Nationalheld tajikischer Herkunft, dessen Porträts überall hingen. Der Agraringenieur, der eigentlich als solcher arbeiten wollte. Der gütige Kämpfer und säkulare Muslim, für den Frauenrechte und Bildung für alle heilig waren. Der Befehlshaber, der Sowjets und Taliban mit seinen Truppen immer wieder aus der zerklüfteten Provinz mit dem Namensgebenden Flusstal zurückgedrängt hatte. Ein Friedhof sowjetischer Panzer. Ahmad Schah Massoud, der am 09. September 2001, also ganze zwei Tage vor 911, das letztlich den einzigen Bündnisfall der NATO auslöste von al-Qaida Agenten heimtückisch ermordet wurde. Ahmad Schah Massoud 28, der aber dennoch, obwohl er von so vielen auch als geistiger und spiritueller, immer die Einheit aller Afghanen beschwörender Nationalheld verehrt wurde und wird und Kriegsverbrechen aus den eigenen Reihen, die ihm gemeldet wurden streng ahndete auch bisweilen in einem Atemzug mit wirklichen Kriegsverbrechern in der jüngeren afghanischen Geschichte genannt wird.
Damals, im Sommer 2009 waren im Iran die „Proteste nach der iranischen Präsidentschaftswahl 2009“, initiiert durch das breite, auch von Regierungskräften getragene Bündnis der „Grünen Bewegung“ 29 im Gange. Die iranischen Kollegen, Freunde und Partner und wir, meine Kollegen und Freunde multipler Herkünfte waren uns einig in der Hoffnung, dass das Mullahregime in Teheran enden würde. Dass es vielleicht sogar einen friedlichen Übergang zu demokratischen Reformen, zu Mitbestimmung aller und Säkularisierung gäbe.
Bias 19 und Ambivalenzen auch bei über die Jahre und Jahrzehnte enttäuschten Hoffnungen bestimmen viele Urteile und Tendenzen zu Entscheidungen. Auch „Ambiguitätstoleranz“ und „Polyvalenzkraft“ 30 sind bei Coaching- und Mindset-Transformations-Weiterbildungen gleichfalls öfters zu findende Stichworte. Fremd- und selbstbestimmt „autosuggestiv“ 8 beharrlich vertretene „Opferkulte“ oder meist individuelle „Opferungsrituale“ 31, die aber stetige „soziale Handlungen“ 31 darstellen und so Projektionsverschiebungen im Raum zwischen vermeintlichen Täter- und ebensolchen Opferprofilen bewirken sollen: individuell wirksame, Gesellschaft immer stärker formende psychologisch-manipulative Schattenspiele machen es für viele immer schwerer, zwischen „gut“ und „böse“, „Wahrheit“ oder „Lüge“ als Grundkategorien zu unterscheiden. Auch ein Ajatollah Chamenei würde vor einem internationalen Gerichtshof seine Unschuld gegenüber einer israelisch-US-amerikanischen Verschwörung behaupten. Andere Machthaber würden ihre Untaten gleichfalls durch bisweilen bizarr konstruierte Wahrheitsbildungen legitimieren wollen. Auch wenn bei Coaching-Konzepten da bisweilen sogar „Future Architect“ 30 scheinbar als Persönlichkeitsformung im bewusst konnotierten Brainstorming draufsteht, kann und will ich mich zu solchen Themen und Konzepten nicht wirklich weiter äußern. Hier soll es eher um dividuale Persönlichkeiten und das Vermitteln an den Schnittstellen zum gesellschaftlichen Sein und Werden auch zwischen Krieg und Frieden und dazwischen und darüber hinaus gehen. Um das Aushalten und Ausdrücken auch von Konflikten, die Artikulation und beharrlich dialogische Darstellungsfähigkeit von gesellschaftlichem Bewusstsein gegenüber individuellem, oft Gemeinschaft ignorierenden oder: gar nicht wahrnehmenden Befangensein behaupten.
Als Mitteleuropäer, als deutscher Staatsbürger, der als Kind erlebte, wie meine geliebte Großmutter unter der Verbitterung meines Großvaters litt, eines durch seine größte Lebenslüge enttäuschten Nazis der ersten Stunde, den ich ja auch liebte, aber bei dem ich gleichfalls früh spürte, dass da etwas nicht stimmte mit ihm. Und der als Sohn, Neffe und Enkel gleichfalls das krasse Gegenteil erlebte in den Erzählungen meines Vaters und seiner wesentlich älteren Schwester über den anderen, acht Monate vor meiner Geburt verstorbenen Großvater, der Tyrannei und Despotismus von Anfang an verabscheute und mit großer (Über-) Lebenskunst mit der anderen Oma zusammen die sieben Kinder durch alle Widerwärtigkeiten und Übel des Krieges brachte, bewundere ich die Art, wie Isabel Schayani hier ihren inneren Konflikt wahrhaftig und hochentwickelt weltgewandt ausbreitet. Die Erzählungen meines Vaters, der als Kind Brot und Wurst aus Betrieben der Familie und aus der Nachbarschaft mitgehen ließ und den Kindern, die in der Schule seiner Kleinstadt interniert auf den Abtransport wahrscheinlich auch in die Vernichtungslager im Osten warteten und über Hunger klagten reichte, dessen kindlicher Gerechtigkeitssinn dadurch zutiefst verletzt war, eine Begegnung des Steppkes mit Opa im Hain dort mit dem Gauleiter, der auch von dem kleinen Jungen den Hitlergruß verlangte, die stoische Reaktion Opas, der seinem kleinen Sohn nur sagte: „Du musst nicht den rechten Arm heben und jemanden, den Du nicht kennst grüßen. Sag einfach: guten Abend, Herr Meier!“ Das zerknirschte Gesicht des Gauleiters, der aber die Autorität eines „deutschen Vaters“ als dummer Mitläufer nicht unterminieren konnte: ich liebte immer diese Geschichten. Sie erfüllen mich auch mit einem gewissen Stolz. Opa, der dann 1945 bis zu seinem viel zu frühen Tod 1963 auf der US-Basis Hahn im Hunsrück arbeitete: in den 1950ern waren abends immer US-Soldaten im Elternhaus meines Vaters, um Deutsch zu lernen, während Opa sein Englisch mit ihnen aufbesserte. Auch in dieser Hinsicht führte ich mit meiner Arbeit in Afghanistan eine Familientradition fort. Der Ausdruck „bewaffnete Sozialarbeiter“: jener US-Officer, Pilot, der 2001 auch mit einem Boeing AH-64 Apache 32-Kampfhubschrauber die ersten Angriffe gegen die Taliban geflogen hatte und nun Leiter der Helicopter-School der Afghan National Army ANA war, wo US-Trainer afghanische Piloten auf alten, höchst robusten sowjetischen Fluggeräten ausbildeten, ein fast dreistündiger Flug mit einem Mil Mi-24, NATO Codename Hind / Hirschkuh 33 im Ramadan 09/ 2009 als Geschenk an uns von Seiten des verabschiedeten Befehlshabenden Generals dort, der Apache-Pilot, der mich irgendwann nach langem Vertrauen bildenden Gespräch fragte: „Warum klappt hier nicht, was bei Euch geklappt hat?“ Die lange, bald dreistündige Fortsetzung des Gesprächs danach: Das Geschichtsvergessene Desinteresse in Deutschland nach meiner Rückkehr vom Hindukusch 07 / 2010 behauptet sich scheinbar auch im nun wesentlich heftiger werdenden Geschehen am Persischen Golf. Es wird und kann keinen ewigen Bestand haben. Dafür werden auch die Auswirkungen zu heftig werden. Hier wie dort.
Es bleibt zu hoffen für die mutigen Menschen im Iran, aber auch die vielen anderen Nachbarn in der Golfregion, dass das Leiden, letztlich die beschleunigte Veränderung wohin auch immer des Krieges nicht zu lange dauert. Dass der 3. Weltkrieg, der letztlich als dezentraler Konflikt mit vielen regionalen Brandherden für die Menschen vor Ort im Feuer schon länger andauert und auch die mutigen Bürger der Ukraine mit ihrem großartigen Präsidenten schon über vier Jahre gefangen hält, bald irgendwann ein Ende findet. Europa jedoch ist gefordert, sich endlich stärker gegenüber lange anhaltendem, die Welt in immer tiefere Abgründe ziehende Tyrannei und Despotismus zu positionieren. Damit nicht andere potentielle Tyrannen und Despoten nicht nur das iranische Volk weiter knechten und in Hoffnungslosigkeit gefangen halten.
Natalie Amiri, Isabel Schayani und Ali Fathollah-Nejad und auch Omid Nouripour, der im Bundestag endlich Enteignungsverfahren gegen Schergen der iranischen Revolutionsgarden hier in Deutschland und eigentlich endlich damit auch verbunden systematisch stringentes Vorgehen gegen Geldwäsche und organisierte Kriminalität fordert, haben alle da in ihren Punkten und Linien mehr Recht als viele Politiker, die diese Themen stetig mit ideologischen Scheuklappen betrachten und somit alles, auch insgesamt die erforderliche politische Willens- auch als Resilienzbildung eher blockieren. 34
Das Darstellen auch von inneren Konflikten ist eine Stärke zumal bei integrativ agierenden Identitäten. Menschen und Gruppen von Menschen, denen die Chancen gewährt werden, sich selbst in diesen offenen und verborgenen Konflikten zu erleben. Dies auch darzustellen. Menschen und Gruppen, die dann auch urbane und regionale Nachbarschaften bilden. Die diese Orte ihrer eigenen Entfaltung auch bewahren und um- und weiterbauen wollen. Die bei Bedrohung diese Ehre der Würde, hier und jetzt da zu sein auch zu schützen bereit sind. Mit Familie, Nachbarn, Freunden und Kollegen. Potenziellen Brüdern und Schwestern.
„Ich bin der spanische Premierminister. Deswegen braucht der Westen Migranten“ 35 überschreibt Pedro Sánchez Anfang Februar einen Gastbeitrag in der New York Times. Der „alte Kontinent“ weist auch demographisch mehrheitlich alternde Gesellschaften auf. „Perspektiven des Dazwischenseins“ bereichern alle Räume. Auch Vielfalt und Vielschichtigkeit darstellende „Stadt- und Raumbilder“ 36.
Im UK machen sich die Grünen in der Folge der „Nachwahlen im Wahlkreis Gorton und Denton“ 37 im Nordwesten Englands, „Grafschaft Greater Manchester“ 37 daran, endlich eine Alternative zu (New / Old) Labour nach Jeremy Corbyn und den vielen Schmutzkampagnen gegen ihn und vor allem zu Nigel Farages populistischem „Reform UK“ schlagkräftig aufzubauen. Sie zeigen: gerade in strukturschwachen Regionen, die also offiziell im „Strukturwandel“ befindlich, oder auch: von Finanzzentren wie London als äußerste Peripherie komplett abgehängt sind, fordern „Wähler Lösungen für die Funktionsweise unserer Wirtschaft“ 37.
Diese Lösungen letztlich für Dysfunktionalität der Wirtschaft thematisieren die Grünen England und Wales‘ ganz wesentlich mit dem Herunterbrechen der „wealth tax" 38, also: der Vermögenssteuer. Durch bildhaft metaphorisch skalierte Maßstäblichkeit für „ordinary people". Für einfache Menschen also, zu denen auch kleine und mittlere Unternehmer (KMUs) gehören, die Jahre lang schuften und sich krumm machen müssen, um das, was Vermögende mit „leistungslosem Einkommen“ oft über Nacht „im Schlaf und ohne den Finger zu krümmen verdienen“ 38 zu erwirtschaften.
Selbstverständlich kommen auch im „Mutterland des Neoliberalismus“ sofort Fragen zumal zum charismatischen Parteivorsitzenden der Grünen Englands und Wales, dem auch aus dem Norden Englands stammenden Zack Polanski auf, wie etwa „Zack Polanski: der Farage der Linken?“ 39. Gleichwohl zeigt sich auch, wie viel Arbeit da ist, gerade das Thema Migration als bereichernden Faktor für einen sich eigentlich neu austarierenden Wohlfahrtsstaat im Sinne Adam Smith‘ nach Dekaden der Vernachlässigung von grauen, grünen, blauen und roten Infrastrukturen. Aber auch, wie die Maßstäblichkeit von Steuern auch im Sinne der Definition von Arbeit und Wertschöpfung vor Kapital und seinem reinen Spekulationswert weiter als Teil nachhaltiger und zukunftstauglicher Daseinsvorsorge für Menschen und Mitwelt neu berechnet und vermittelt wird. Europäische Themen, denen nicht mit „wishful thinking“ 9 beizukommen ist. Mit „Autosuggestion“ 8 auch nur bedingt.
Thomas Piketty beschwört denn auch Europas „demokratische, soziale und transnationale Kraft“ 40 nach 1945. Der vorher kriegerischste von allen Kontinenten zumal mit imperialen Rollen einzelner Akteure als globale Kolonialmächte und sein Zusammenschluss nach „der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs“ 40 werden als „sozialdemokratisches Modell“ 40 dargestellt. Die Allokation, „öffentliche Ausgaben von fast 45 oder 50 Prozent des BIP“ 40 in Nordeuropa im Rahmen der „ökologischen Sozialdemokratie“ 40, also wesentlich als „kollektive Investitionen in Gesundheit, Bildung und öffentliche Infrastruktur“ 40 wertet Piketty als essentiellen „Standortvorteil“ des alten Kontinents. Dabei unterzieht er die Indikatoren zur Bemessung von Adam Smith‘ „Wohlstand der europäischen Nationen“ im „fundamentalem Gegensatz zu nationalistisch-extraktivistischen Modellen“ 40 einer eingehenden Prüfung.
Vergleichsmodelle der Produktivität im Pro-Kopf-BIP anhand der Marktwechselkurse, wie sie ja auch aus dem Kanzleramt gerne gestreut werden, ignorieren immer wieder die Inflation in den US. Bei der Stundenproduktivität, also gemäß in BIP pro Arbeitsstunde gemessener Kaufkraftparität indes ist Nordeuropa produktiver als die US. Deutschland und Frankreich sind in Folge der Austeritätspolitik nach der Krise 2008 etwas zurückgefallen. Der Unterschied jedoch Westeuropas indes zu den US ist weitaus nicht so riesig, wie da immer wieder panikartig behauptet wird. Das Absinken der Bildungsausgaben pro Schüler(in) um 20% in den letzten 15 Jahren indes in Frankreich und Deutschland wird auch von Piketty sehr negativ bewertet. „Berücksichtigt man die negativen externen Effekte der CO₂-Emissionen, sinkt das um diese Effekte bereinigte BIP der USA im Vergleich zu Europa erheblich.“ 40 Die Ermöglichung eines „wirklich fairen und nachhaltigen Entwicklungsmodelles“ 40 auch im Dialog mit Partnern aus dem globalen Süden indes sieht Piketty als fundamentale Chance für Europa, um eine „sozialdemokratische Großmacht zu werden“ 40.
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Der Umgang mit vielen Unwägbarkeiten von Gegenwart und Zukunft erfordert an Lösungen als Zielvorgaben orientierte Bereitschaft zu Verfahrensweisen, die in oft mühsamen Verhandlungsformen zwischen verschiedenen Maßstäben, auf Mikro- und Makroebenen Ängste und Haftungsfragen einzelner Beteiligter und ihrer Gruppen an- und auszusprechen wissen. Das Prozesshafte in diesen Moderationen muss viele unausgesprochene Ängste, Sorgen und Nöte artikulieren helfen. Dinge, allzu häufig als Bedrohungen wahrgenommene Unsicherheiten, die oft über Jahre verschwiegen werden, müssen als Ernst zu nehmende Sorgen geweckt und thematisiert werden. Raum und Zeit müssen dabei in Gerinnungen, Erstarrungen und Verzerrungen darstellbar sein. Letztlich auch, um entsprechend Mittel und Wege zu finden, die dazu verhelfen, diese Momentaufnahmen der Gerinnungen, Erstarrungen und Verzerrungen von Wahrnehmungen, die letztlich Beschleunigung und Verlangsamung von Sein und Werden von und in Raum und Zeit sind zu überwinden. Maßgaben der Beschleunigung indes sind in diesen Zusammenhängen den jeweiligen Bedarfen von Räumen und Zeiten entsprechend umzuschichten. Von Mikro- zu Makroebenen und wieder zurück. Im fachlich und sachlich moderierten Raum, der die verschiedenen Tempi und ihre Deformationen entsprechend sachlich und fachlich bewertend entschärft. Und somit Vertrauen in baldiges Sein und Werden vermittelnd aufbaut.
Bias sind also wesentlich zu thematisieren und zu debattieren. Zumal in vertikal und horizontal hierarchisierten Diskursen, die durch viele Auslassungen und Betroffenheiten immer wieder in schweigsam verhaltene Resignation münden.
Fast sieben Jahre, von 2001-2008 arbeitete ich im Rheinland im Brandschutz, Konzeption und Fachbauleitung, letztlich also im Baurecht. Das überbordende, ja auch im Zuge der Diskurse zur Wohnungskrise in seiner schweren Handhabung und häufig widersprüchlichen und damit Zeit und Energie raubenden Auslegung kritisierte deutsche, letztlich im föderalen Raum jeweils Landesspezifisch festgeschriebene Baurecht. Das aber wiederum auch dem Bundeseigenen Bau-Gesetzbuch BauGB und vielen anderen Rahmenbedingungen ein-, neben- und untergeordnet ist. Und: die KI kann einzelne Personen auf den Bauämtern und einzelne Planer und Projektsteuerer nicht aus der „Haftung“ 41 entlassen. Ein Rechtsbegriff, der im Gegensatz zu „liability“ im Englischen für „juristische Verantwortlichkeit“ etymologisch sogleich „Haft = Gefängnis“, „Festhängen, Festkleben“ 41 impliziert. „Er stammt aus dem Mittelhochdeutschen haftunge ‚Verhaftung, Beschlagnahme, Bürgschaft‘, der auf das althochdeutsche haftunga zurückgeht.“ 41
Demgegenüber wird „Schuld“ 42 eher dem privatrechtlichen Rahmen mit römischen / lateinischen Wurzeln zugeschlagen. „Die Schuldverhältnisse wurden ebenso wie die Erbschaft (lateinisch hereditas) und der Nießbrauch (lateinisch usufructus) somit als unkörperliche Sachen (lateinisch res incorporales) angesehen“ 42 Dem gegenüber wiederum trennte das auch im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm festgehaltene germanische Recht „Schuld und Haftung; Schuld ist das Leistensollen, Haftung das Einstehen für den Fall der Nichterfüllung“. 42 Die damit verbundenen Unsicherheiten für Beteiligte in Bau- und Planungsprozessen werden auch deutlich im Begriff der „Rechtsdogmatik“ 43. Dieser gemäß bilden „Schuld und Haftung eine organische Einheit, denn die nicht erfüllte Schuld entwickelt sich zur Haftung.“ 42
In die Vergangenheit auch überholter Auslegungen gerichtete „Rechtsgeschichte“ 43 im Rahmen der „Rechtsdogmatik“ 43 und die mit „zukünftigem Recht“ befasste „Rechtspolitik“ 43 verdeutlichen nochmals, wie stark Rechtspraktiken und Rechtssprechung per se im (vor-) politischen Raum und dessen (verschleppten) Transformationen verwurzelt sind. Und wie abhängig sie zumal von gängigen, der jeweiligen Zeit entsprechenden Moral- und Werturteilen und den jeweiligen, im Raum vorherrschenden (Verlust-) Ängsten und Befangenheiten sind. Wie wichtig also da Kommunikation und Vertrauen = Sicherheiten einmal mehr sind. Auch, um entsprechend viele drängende Bedarfe und Optionen von Menschen=Bürgern und Mitwelten=urbane und regionale Räume synergetisch in Planungen voranzubringen und zum Bauen zu kommen.
Danach, 2009 - 2010 arbeitete ich dann im und am komplett gegenteilig (un-) gestalteten Raum. Eineinhalb Jahre Infrastrukturen und damit über mehrere Jahrzehnte vernachlässigte und zum Teil Krieg zerstörte Ressourcen im Rahmen eines Regenerationsprogrammes für rund 4 Hektar der Altstadt in der afghanischen Hauptstadt Kabul bedeuteten auch, Haftung und Verantwortung, damit auch Schuld und Bürgschaft in diesem Rahmen selbst zu entwerfen. Baurecht wird in solchen Räumen auch in Lehm durch Hochziehen einer Wand über Nacht geschaffen. Gegenüber dem deutschen / mitteleuropäischen „Rechtsdschungel“ ein „Rechtsvakuum“, in dem entsprechende Regelungen zur Konsensbildung insbesondere beim Nutzen von Ressourcen=Infrastrukturen überhaupt erst mit diesen selbst (neu) installiert werden müssen. Ein grundlegendes Verständnis indes der gängigen Rechtspraktiken ist für alle (Ver-) Handlungen in beiden Räumen essentiell: dem mitteleuropäischen „Rechtsdschungel“ wie dem hier zentral- / südasiatischen „Rechtsvakuum“.
Die Verhandlungen zu zerstörten, hier bereits mit den Grundmauern freigelegten Grundstücks- und Wegerechten können dann auch schon einmal dazu führen, dass der Unterhändler bald Ziel einer Kugel oder eines Sprengsatzes ist. In Zusammenhang mit in diesem Falle mit der Nutzung von (über-) lebensnotwendigen Ressourcen verknüpften Infrastrukturen, wie hier einer dezentral, modellhaft ausgebildeten „nachhaltigen urbanen Wasserwirtschaft“ einhergehend eine primär durch (Verlust-) Ängste motivierte Handlung. „Haftung“ 41 und (Bring-) „Schuld“ 42 sind hier also ganz anders gelagert. Ihr präventives Aushandeln indes ist grundlegend, um überhaupt ein gegenseitiges Verständnis für Sicherheiten bei der Gewährleistung zu ermöglichen. Das Angebot einer „Baulast“ 44, in dem Fall: Wegerecht für Wasserrohre im öffentlichen Gassen-und Wegebereich und zum Teil: unterirdische Querung eines privaten Grundstückes zur Bildung von dafür erforderlicher Ringschlussbildung der Rohrleitungen zumal im Falle von traditionell überbauten Gassenführungen ist insofern erst einmal vermittelnd zu kommunizieren. Der Angst vor „kalter Enteignung“ als Haftungsgrundlage und Schulderbringung ist durch Erläuterung dieser ausgleichenden Rechtsgrundlage vor Ort, in einer entsprechenden Reallaborstudie zu begegnen. Ein rudimentär so einzurichtendes Kataster- und Baurecht beinhaltet dann auch das Aus- und Verhandeln von Entschädigungszahlungen für darin einzutragende „Baulasten“ 44.
„Gesetzesdschungel“ Baurecht in Deutschland und „Gesetzesvakuum“ hier beispielhaft für viele Orte im globalen Süden Altstadt von Kabul / Afghanistan weisen also durchaus ähnliche Themen auf. In beiden treffen Unsicherheiten und Haftungsrisiken und entsprechende Verlustängste für alle in Bau- und Planungsprozesse involvierte juristische und vor Ort eben auch natürliche Personen, so genannte Stakeholder aufeinander. In beiden Fällen bedarf es entsprechend zu schaffender Rahmenbedingungen für das Aus- und Verhandeln von Interessenausgleichen zwischen starken privaten und tendenziell eher schwächeren, zumal sich häufig nicht leicht formatierenden und artikulierenden gemeinschaftlichen Interessen. Zumal in Verbindung mit Infrastrukturen. Also gemeinschaftlich zu nutzenden Ressourcen. Blauen, grünen, grauen, hier in der Altstadt von Kabul eher Lehmfarben ockerbraunen und roten Infrastrukturen: Behausungen und ihr der Gemeinschaft zur Verfügung stehende, für die Menschen bezahlbare Raum.
Der so genannte Bau-Turbo soll viele Rahmenhandlungen im föderalstaatlich kommunal verwalteten „Gesetzesdschungel“ Baurecht erleichtern. Das Bundesgesetz §246e BauGB „Bau-Turbo“ soll Planungs- und Genehmigungsverfahren entzerren und beschleunigen. Das ist wesentlich zu begrüßen. Es trifft jedoch auf Realitäten, die insbesondere für Planer und Gestalter in allen Gremien und Funktionen entscheidend geprägt sind von Krisen und damit verbundenen erhöhten persönlichen und gemeinschaftlichen Haftungsrisiken.
Krisen sind auch Chancen. Dafür jedoch müssen Möglichkeiten zu sinnfälliger Transformation zukunftsfähig entfaltet werden können. Der diese Handlungen eingrenzende, nicht verhandelbare Rahmen ist die Physik, der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, die Entropie. Die geplante und gebaute Umwelt ist insofern Teil unserer durch planetare Grenzen bestimmten Mitwelt.
Die drei zu Chancen umzubauenden Krisen können maßgeblich in 3 Ws zusammengefasst werden:
Auswirkungen auf Handlungslogiken im Planen und Bauen, insbesondere in der Vielfalt urbaner und regionaler Räume in Deutschland, hier jetzt einmal mehr exemplarisch im flächenmäßig am dichtesten besiedelten Bundesland Nordrhein- Westfalen NRW in Verbindung mit beschleunigten Genehmigungsverfahren nach §246e sind insofern vielfach gegeben und sollen hier mit einzelnen Stichworten charakterisiert werden. Vor allem aber erfordert §246e transparenten und mutigen Umgang mit Chancen und Risiken. Und damit offenes, am Gemeinwohl orientiertes Aushandeln von Planungs- und Bauprozessen zwischen allen Beteiligten in besagten urbanen und regionalen Räumen.
Die 10 Forderungen der Architects 4 Future Deutschland zur Bauwende 45 sollen auch in Verbindung mit den 3 Ws hier den Rahmen für diese Handlungslogiken bilden. Reiches, in die Zukunft gerichtetes kulturelles Erbe charakterisiert und verbindet zudem die Vielfalt und Vielschichtigkeit urbaner und regionaler Räume. Und das nicht nur in NRW. Besagte 3 Ws als Rahmen setzende Herausforderungen sollen hier insofern nochmals kurz betrachtet werden:
Das betrifft alle von Planerseite in den jeweiligen Architektenkammern vertretenen Berufsgruppen: Architekt*innen, Innen- und Landschaftsarchitekt*innen und Stadtplaner*innen. Zumal alle Generationen sowohl innerhalb dieser Gremien als auch außerhalb der Kammern. Menschen, die in den kommunalen und regionalen, städtisch
verdichteten und ländlich weiteren Räumen nicht nur in NRW leben, wohnen und arbeiten. Menschen, die zudem gerade im Ruhrgebiet „Strukturwandel“ 46 schon lange erleben. Strukturwandel per se bringt auch Elemente der Umschichtung von Produktion und damit von Arbeit mit sich. „Veränderungen in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen, Dekarbonisierung, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) sowie der demografische Wandel beschleunigen den Strukturwandel.“ 47 Das Menetekel „Deindustrialisierung“ indes beinhaltet nicht die Chancen auf Transformationen. Dies ist zumal nochmals wichtig zu betonen im Zusammenhang mit wesentlichen regionalen, derzeit stattfindenden Transformationen, die da erforderlich sind, unter anderem sowohl im „Rheinischen Revier“ 48, als auch etwa im ostdeutschen früheren Braunkohletagebau im „Mitteldeutschen Revier“ 49 in Sachsen-Anhalt und der zwischen südlichem Brandenburg und östlichem Sachsen bis ins polnische Niederschlesien hinüberreichenden „Lausitz mit ihrem Braunkohlerevier“ 50.
Links Anzahl der im Ruhrgebiet im Kohlebergbau Beschäftigten (blau) und / versus Anzahl der Studierenden (rot) 1945-2017 vermag einerseits die optimistisch klingende Überschrift „Von der Industrieregion zur Wissensregion: Strukturwandel im Ruhrgebiet“ 51 zu rechtfertigen. Die „Arbeitslosenquoten in der Metropole Ruhr am 29.11. 2018“ 51 indes verdeutlichen rund ein Jahr vor der Pandemie ermittelt nochmals das Abgleiten in die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit: Spitzenreiter Gelsenkirchen mit einer Quote von 12,3% war neben dem schon zuvor betrachteten Wahlkreis 208 Westpfalz, Kaiserslautern bei der Bundestagswahl 2025 der zweite westdeutsche Wahlkreis, hier jetzt 122 mit AfD-Mehrheit bei den Zweitstimmen.
Zumal im Hinblick auf derzeitige Inflationsschübe und sich dabei abzeichnende neue Energieengpässe verdeutlicht sich diese weitergehende Perspektivlosigkeit auch im Mitteldeutschen Braunkohlerevier in Sachsen-Anhalt 49 und in der Lausitz in Brandenburg und Sachsen 50. Die zu erwartenden AfD-Zugewinne und vielleicht auch Siege bei den Landtagswahlen dort verdeutlichen, dass ein effizienteres Vorgehen beim Bearbeiten der Transformationschancen des „Strukturwandels“ 46 dringend vonnöten ist. Die großen Schwierigkeiten von Hochschulabsolventen derzeit, Stellen zu finden verdeutlichen zudem, dass der Umbau fossiler Produktionsstätten zu „Wissensregionen“ 51 nur kurzzeitig wirklich nachhaltig ist. Auch wenn AfD und inzwischen auch die Unions-geführte Regierung in Berlin „Technologieoffenheit“ 50 bei verlängerten fossilen Abhängigkeiten propagieren und die „ideologisch begründete „Energiewende““ 50 noch einmal explizit in negatives Licht setzen: Wie aber auch hier mit dem Fachkräftemangel zumal in Zusammenhang mit dem AfD-Rezept „Remigration“ umgegangen werden soll, dazu kann man in den auch von wissenschaftlichen Instituten unterstützten rechtspopulistischen Kreisen nicht wirklich auch nur annähernd eine verlässliche Lösungstendenz angeben.
Das Abarbeiten des Sanierungs- und Transformationsstaus von Infrastrukturen, deren Wartung und Funktionserhalt über Jahrzehnte vernachlässigt wurde zudem mit der Bearbeitung der Wohnungskrise kann auch eine größere „Migrationsoffenheit“ bewirken. Dafür sollte der Bund im Länderfinanzausgleich die entsprechenden Gelder bewilligen und für regionale und kommunale Projekte durchreichen. Der Bund selbst kann durchaus mit Triple A bewertet auf internationalen Anleihemärkten Gelder einholen. Länder und Kommunen verfügen nicht über diese Möglichkeiten.
Arbeiten mit §246e BauGB, dem so genannten Bau-Turbo bedeutet also eine wesentliche Herausforderung, stellt uns aber auch viele verantwortungsvoll auszuhandelnde Mittel zur Bewältigung der Krisen frei. Diese Chancen sollten wir ergreifen und so die Kernthemen nach vorne bringen. Auch sollten wir die Diskussion zu einer gemeinwohlorientierten Bodenpolitik in diesen Zusammenhängen wesentlich erweitern und vertiefen, um auch zukünftige Generationenausgleiche besser gestaltungsfähig zu machen.
Jeder Handwerksmeister weiß, dass Planen und Bauen mehr ist als Steine aufeinanderzusetzen. Und dass es keine dummen Fragen, nur dumme Antworten gibt. Dem sollten wir auf den vielen Ebenen unserer Berufspraktiken auch in Kammern, Verbänden und Parlamenten, Gremien allerorts Rechnung tragen und so das in uns gesetzte Vertrauen weiter auf- und ausbauen.
Der Bau-Turbo erfordert also zumal im derzeitigen, an GEG-„Novelle GMG“ deutlich abzulesenden Kulturkampf andere Vermittlungsinitiativen vor Ort, in mikro- und makroökonomischen Kontexten. Stichwort: proaktiv vermittelndes Quartiersmanagement. Datenerhebung und Interessensvermittlung und damit gesteuerten Vertrauensaufbau in den jeweiligen Nachbarschaften per se. Um so wirklich Potenziale für „bezahlbaren Um- und Weiterbau von Wohnraum“ in und mit dem Bestand auch von bisher anderen Nutzungsformen: leerstehenden Gewerbe- und Büroimmobilien zu ermitteln und auch entsprechend zügig wieder den lokalen und regionalen Märkten zuzuführen. Und die Unwägbarkeiten der blauen, grünen und grauen Infrastrukturen im Zuge der roten (Hochbau-) Infrastrukturen abzugleichen und gleichfalls dem Bedarf der nächsten Dekaden folgend um- und weiterzubauen.
Die Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März 2026 hat vor allem gezeigt, dass die Dominanz des Exportmodells der deutschen Wirtschaft gerade aus dem Ländle Vergangenheit ist. Dass die Binnenwirtschaft programmatische Stärkung erfahren muss. Zu tun gibt es da reichlich. Aber: dies muss auch vom Bund so gesehen und zwischen Bund, Ländern und Kommunen auch klug vermittelt werden. Und dort, in und zwischen den Kommunen auch auf den Böden der Tatsachen zudem umsetzungsfähig moderiert und ausgeführt werden. „Wer Arbeitende und Arme im Stich lässt, überlässt sie der AfD“ 52: Diese Lehre aus der Wahl gerade in einem Bundesland, in dem das „Schaffen“ Kern des stolz nach außen getragenen Ethos selbst ist, verdeutlicht auch, dass Niedergang, Resignation und damit verpasste, weil von oben in der Verteilung von Haftung 41 und Schuld 42 ignorierte Transformationschancen weiter überwiegen. Und damit Berlin denn auch so in Kommunen und Wahlkreisen wie Mannheim I, Pforzheim, aber auch im ländlichen Schwarzwald, in Tuttlingen-Donaueschingen „Gift für den sozialen Zusammenhalt“ und „Brandbeschleuniger für die AfD“ 52 proaktiv zubereitet. Ein Trend zudem, der sich von Kaiserslautern und der Westpfalz auch darüber hinaus ausgehend in Rheinland-Pfalz fortsetzen wird. In Sachsen-Anhalt und im Berliner Abgeordnetenhaus und in Mecklenburg-Vorpommern im spätsommerlichen Frühherbst dieses Jahres sind unter derzeit gegebenen Zu- und Umständen ähnliche Ergebnisse bei den dortigen Landtagswahlen zu erwarten.
Die Antwort zur „Einschätzung der wirtschaftlichen Lage“ 52, die von AfD-Wählern in einer Umfrage zur Landtagswahl in Baden-Württemberg mit 86 % perspektivlos schlecht geradezu vernichtend bewertet wurde, ist maßgeblich auch ein Resultat der komplett perspektivlosen, Haftung 41 und Schuld 42 stetig nach unten delegierenden Berliner Politik. Problemverschiebungen und stetige Projektionen indes ohne die geringsten Lösungsmöglichkeiten führen nicht zu Wegen aus der Rezession. Dafür bedarf es schon klüger gelenkter und motivierender „Schaffensprozesse“. Auch und gerade im Ländle. In der ganzen Bundesrepublik. Ost und West. Nord und Süd. Es bedarf aber auch der erforderlichen ermutigenden Impulse aus Berlin. Impulse aber, die (noch) gänzlich fehlen in einer Bundespolitik, die sich in Vouten rückwärts ergeht. Und Menschen gegeneinander ausspielt und nicht integrativ demokratisch im Rahmen des grundgesetzlichen Auftrags der politischen Willensbildung an die Parteien als Träger derselben agiert. Das darin zu Tage tretende mangelnde Verständnis der „konkurrierenden Gesetzgebung“ als konstituierender Akt des bundesdeutschen Föderalismus, das entsprechend flexiblen Umgang gerade in solchen polyvalenten Krisenzeiten erfordert, soll hier gar nicht weiter thematisiert werden. Es ist aber offenkundig, dass man da weiter im Nebel, der immer mehr zu dichtem Rauch wird tappt und herumstochert.
Das betrifft natürlich auch ganz maßgeblich die SPD, die als Juniorpartner der erneuten großen Koalition im Berliner Plenarbereich Reichstagsgebäude, Sitz des deutschen Bundestages insbesondere nach dem desaströsen Wahlergebnis im Ländle Baden-Württemberg endlich ihre programmatische Trägheit überwinden und Perspektiven „out of the box“ aufzeigen muss. Und perspektivisch sollte sie demokratische Bündnisfähigkeit auf-, aus-, um- und weiterbauen. Und damit dann auch die Kunst bewerkstelligen, aus der Regierungsverantwortung heraus sich von manchen desaströsen Inhalten der Union als dominanter Partner programmatisch zu distanzieren. Denn der Wähler, die Wählerin goutieren das stetige verantwortungslose „Für-dumm-verkauft-werden“ nicht. Zumal, wenn es sie oder ihn und ihre Familie in die „alternativlos“ persönlich familiäre Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit entlässt. Und: dann wählen die meisten eben lieber „das rechte Original“: also AfD. Das Links von der Mitte hat man zu lange als schwaches Abziehbild der eigenen Nöte erlebt.
Parlamentarische, repräsentativ demokratische Wege sind oft etwas länger. Sie beinhalten Entscheidungsprozesse und Richtlinien, die mehr oder weniger Tendenz / Plan A unter Leitung und Regie von Personen / Partei / Verband X, Plan B unter Leitung und Regie von Personen / Partei / Verband Y und / oder Plan C unter Leitung und Regie von Personen / Partei / Verband Z beinhalten. Die dabei zu Tage tretenden Lücken und Mängel der Repräsentation indes sollten auch durch genossenschaftliche Zusammenschlüsse aufgefangen werden können. Bürgerschaftliches Engagement, das sich in verschiedenen Rechtsformen manifestiert und damit auch selbst in Framing und Content legitimiert. Darum soll es hier ja auch weiter gehen.